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Johannes Brahms

Sinfonie Nr. 3, Haydn-Variationen

London Philharmonic Orchestra, Marin Alsop

Naxos 8.55 7430
(56 Min., 3/2005, 4/2006) 1 CD

War es ein Triumph? Es war. Und zwar ohne Wenn und Aber, ohne Zweifel. Als am 2. Dezember anno Domini 1883 in Wien die dritte Sinfonie von Johannes Brahms aus der Taufe gehoben worden war, da entlud sich nach dem Ende – und trotz (oder gerade wegen?) dieses dialektisch ungewohnten antiapotheotischen Schlusses – im Saal ein solcher Sturm der Begeisterung, wie er sich nur selten darbot in der Weltmusikstadt. Ein nahezu vollkommenes Werk war dem guten Brahms da aus der Feder geflossen, und beinahe schien es, als habe er an diesem kalten Dezembertag ein für alle Mal jenes Buch zugemacht, in dem er so lange und ausgiebig gelesen hatte: die Beethovenbibel. Nur einer, der machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Ausgerechnet der Dirigent der Uraufführung, Hans Richter, bezeichnete in einem Anflug von Ironie diese F-Dur-Sinfonie als Brahmsens "Eroica" ...
Was sie nicht ist. Ganz und gar und überhaupt nicht. Und als wollte Marin Alsop an der Spitze des London Philharmonic Orchestra dies posthum nochmals beglaubigen, vermeidet sie in ihrer Interpretation allen übertriebenen Pathos und jedwede rhythmische Überbetonung, sondern legt vielmehr gesteigerten Wert auf das Melos der Sinfonie. Fließen soll es, überall hin und immer weiter. Und das tut es dann auch, obschon in hohen Lagen bei den ersten Violinen der Londoner Philharmoniker intonatorische Trübungen und klangliche Defizite nicht zu überhören sind. (Was im Übrigen den "Lektoren" dieser Aufnahme ins Öhrchen geflüstert sei: Habt ihr selbige nicht die ganze Zeit aufgetan?) Wie dem auch sei: Dieser Brahms ist einer aus einem Guss. Das Gute: Er schleppt nicht. Er schwebt. Aber nicht über den Dingen. Sondern in ihnen. Und dies in wohltuender Transparenz. All die typisch Brahms’schen Verästelungen sind sichtbar, ohne dass Alsop ihr Orchester in ein didaktisches Korsett zu zwängen gedächte. Sie lässt atmen, lässt der Musik ihren Lauf, wohin auch immer er mäandert. Vielleicht ist der Klang im Kopfsatz eine Schicht zu dick aufgetragen, und vielleicht ist auch das Tempo um einen Strich auf Mälzels Maschine zu weit oben (will sagen: zu behäbig). Doch das sind Nuancen. Alles in allem bezwingt die Alsop’sche Lesart durch ihre Stringenz, durch ihre Gespanntheit, die aber nie ins Verkrampfte hinüberläuft (was bei Brahms nur allzu leicht geschehen kann, nimmt man ihn zu schwer(mütig)). Und ganz wunderbar zart gelingt das Poco Allegretto, organisch und harmonisch, durch und durch geheimnisvoller Zauber, der einen umfängt. Keiner vor und nach Brahms, der solche orchestralen Kantilenen gleichsam singend wie eine Waldtaube zu komponieren in der Lage gewesen wäre. Was der Schöpfer selbst in seinen Haydn-Variationen bewies. Und was Marin Alsop und ihr Orchester nur zu bestätigen wissen. Zum Triumph reicht es aufgrund der genannten Schwächen zwar nicht. Aber zu einem mehr als respektablen Ergebnis schon.

Jürgen Otten, 23.06.2007



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