Ob heutige Betrachter diesen "Falstaff" noch als "Meilenstein in der Geschichte der Operninszenierungen" betrachten so wie einst die New York Herald Tribune? Seit 1964, als der Einstand des Pappmaschee-Königs Franco Zeffirelli an der Met bejubelt wurde, sind alle bedeutenden Falstaff-Darsteller durch die sechs fett ausgepinselten Genrebilder gestapft. Wobei zuzugestehen ist, dass kaum eine andere "Falstaff"-Inszenierung die Shakespeare'sche Romanze im Schlussbild so suggestiv traf wie diese – bevor alles in einer knallbunt fantasyhaften Walpurgisnacht zerstiebt.
Bedeutungsvoll ist die Aufführung von 1992 durch das abgefeimte Damen-Kleeblatt, das den dicken Junker zunftgerecht aufs Kreuz legt. Die damalige Quickly-Debütantin Marilyn Horne fungiert als dicker Marzipankugel-Köder, während die junge Barbara Bonney als geschlechtsreifes Früchtchen Fenton verführt und Susan Graham Schmiere steht. Mirella Freni kann sich als wütender Pumuckl kaum das Lachen verbeißen. Das vermittelt viel vom Spaß und vom offenbar infernalischen Übermut, den James Levine souverän anheizt. Sein deftiges, temperamentvoll explosives Dirigat deutet auf eher schwer verdauliche Kost. Sehr amerikanisch.
Als Sir John ging damals eines der langjährigen Met-Ensemblemitglieder, Paul Plishka, auf die rutschige Piste. Er porträtiert Falstaff weder als geschundene Kreatur (wie Bruson) noch als Komödien-Urgestein (wie Gobbi), sondern er liefert eine pikareske Charakterstudie von nicht praller, aber souveräner Anlage. Bruno Pola als Ford bleibt blass. Frank Lopardo (Fenton) kann sich hören lassen. Als Dr. Cajus erlebt man einen der notorischen Comprimari der Schallplattengeschichte, den damals 73-jährigen Piero de Palma.
Wie in einer Met-Repertoirevorstellung üblich, laufen die Damen umeinander wie die Hühner. Die Herren üben sich in Gastwirtsgesten, tragen Pappnasen und gehen mit langen Kochlöffeln und Besenstilen aufeinander los. Es ergibt sich ein Eindruck von: "Max und Moritz gegen Räuber Hotzenplotz". Dennoch: Als authentischer Einblick in den Alltagsluxus der Met bleibt dies ein hübsches, aufschlussreiches Dokument. Vor allem wegen der glucksend virtuosen Marilyn Horne und einer nicht zu bremsenden Mirella Freni. Susan Graham lacht heute noch, spricht man sie auf diese Aufführung an.

Robert Fraunholzer, 23.10.2009



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