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Modest Mussorgski, Franz Liszt

Vladimir Horowitz At Carnegie Hall

Vladimir Horowitz

Sony Classical 88697 53885-2
(76 Min., 4/1948 und 3/1949) 1 CD

Die Causa Horowitz, sie scheint kein Ende zu nehmen. Nachdem erst kürzlich die in der Tat sensationelle Aufnahme des Berliner Konzertes aus dem Jahr 1986 auf den Markt gekommen war, gibt es nun schon wieder audielle Neuigkeiten. Horowitz, der Göttliche, live aus der Carnegie Hall. Einmal am 2. April 1948, mit Mussorgskis "Bildern einer Ausstellung". Und dann noch einmal mit Liszts h-Moll-Sonate, aufgenommen am 21. März 1949. Dass diese Mitschnitte erscheinen können, ist wohl vor allem der Yale University zu verdanken. Denn dieser Bildungs- und Bewahrungsinstitution hatte Horowitz 1988, ein Jahr vor seinem Tod, sämtliche Tonbänder übergeben, die aus seiner privaten Sammlung stammten und Konzerte zwischen 1945 und 1950 dokumentierten. Und ebendort, genauer im "Vladimir Horowitz and Wanda Toscanini-Horowitz Archive" der Musikbibliothek von Yale, lagen sie lange Zeit, gut bewacht und unangetastet. Mitarbeiter der Carnegie Hall haben sie dort wieder herausgefischt, die Bänder nach Kräften remastered, wie man so schön sagt, und auf eine CD gepresst. Wer Horowitz kennt, wird wenig überrascht sein von diesen Aufnahmen. Wer ihn aber liebt, wird ihn wieder und wieder lieben müssen für seine nachgerade obskurantistische Art, den Werken seinen Stempel aufzudrücken. Von geradezu existenzieller Wucht sind die "Bilder einer Ausstellung", dabei prall gefüllt mit falschen Tönen und sogar voller zweifelhafter syntaktischer Eigensinnigkeiten. So erscheint bei Horowitz schon die "Promenade" ungerade, schief, stolprig. Aber das ist nun einmal sein Konzept der virtuellen Verwerfungen. Nichts im Leben ist glatt. Und auch die Farben auf den (klingenden) Bildern sind es nicht. Und so geschieht eben seinesgleichen. Je mehr man sich in diese Auffassung hineinversenkt, umso ausgelieferter ist man ihr. Der Magier Horowitz, wieder packt er einen, zwingt einen zu Boden. Und von dort sieht man die "Hütte der Baba Yaga", wie sie vom Teufel höchstpersönlich besucht wird und das "Große Tor von Kiew", wie es wankt im Oktavenorkan. Kaum hat man sich davon erholt, schraubt sich Liszts per se dämonisch gewebte h-Moll-Sonate in die Gehörgänge – als ein ab- und tiefgründiges Drama, das seinesgleichen sucht. Und das irgendwo zwischen Himmel und Hölle angesiedelt ist. Fazit: Wer sich am starken Rauschen dieser Aufnahmen nicht stört und Horowitz verehrt, wird sie nicht mehr hergeben.

Jürgen Otten, 04.11.2009



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