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Carl Loewe, Robert Schumann, Hugo Wolf, Franz Schubert, Gustav Mahler, Ferruccio Busoni

Die Mitternacht zog näher schon. Romantische Balladen

Johannes Martin Kränzle, Hilko Dumno

Oehms Classics/harmonia mundi OC 815
(71 Min., 3 und 4/2008) 1 CD

Heute haben wir Wes Craven, im 19. Jahrhundert hatte man die romantischen Schauerballaden in Vertonungen von bekannten und weniger bekannten Komponisten. Welch eine intime Form des Gruselns konnte damals ein einziger Sänger bieten im Vergleich zu den technisch hochaufwändig produzierten Horrorschockern, die heute über die Riesenleinwände der Multiplex-Kinos jagen! Können die romantischen Balladen Schuberts, Loewes oder Schumanns da überhaupt noch mithalten? Diese CD gibt die eindeutige Antwort: Sie können – wenn sie von den richtigen Leuten dargeboten werden. Der Bariton Johannes Martin Kränzle verleugnet in diesem Grenzbereich des Kunstliedgesangs seine Bühnenerfahrung als Opernsänger keineswegs; er nutzt die schiere Wucht seines kräftigen Materials, mit dem er in der unteren Lage skandieren, drohen und bei Bedarf auch eindrucksvoll Dröhnen und Blöken, in der hohen Lage Toben, Brüllen, Schreien, ja den Hörer förmlich an die Wand seines eben noch so behaglichen Wohnzimmers nageln kann. Carl Loewes "Edward" rückt einem in dieser Darbietung so schrecklich nah auf den Leib, wie man es schon lang nicht mehr erlebt hat. Franz Schuberts "Zwerg" ist bei Kränzle kein feinnerviges Psychodrama à la Fischer-Dieskau – was auch seine faszinierenden Qualitäten hat –, sondern ein nervenzerfetzendes Gruselstück um eine bedauernswerte verirrte Frauenseele und einen pervers brutalen Missgestalteten, der sie mit sich in den Tod zu reißen gedenkt. Kränzles Konzept des Alles-Gebens bis an den Rand der Groteske funktioniert auch bei Mahlers "Revelge": Sind nicht all die namenlosen Grausamkeiten des Krieges nur als Groteske vermittelt überhaupt zu ertragen? Zu den weniger bekannten Perlen des Programms gehört "Gutmann und Gutweib" nach Goethe, genial differenziert auskomponiert von Hugo Wolf. Kränzle bewährt sich auch in dieser anspruchsvollen Nummer, übrigens eines der wenigen lustigen Stücke auf dieser CD. Kurzum: Man lasse den Wes-Craven-Streifen mal im DVD-Regal und greife stattdessen zu dieser Balladen-CD – der Abend wird nicht weniger spannend, schockierend und unterhaltsam werden.

Michael Wersin, 20.02.2010



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