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Philip Glass, Tarquinio Merula

Timeless

Lautten Compagney, Wolfgang Katschner

DHM/Sony Music 88697 52698-2
(70 Min., 11/2008) 1 CD

Manchmal kann der Geist des Ortes eben doch beflügeln. Denn obwohl es nicht an Versuchen mangelt, aktuelle und alte Musik zu verbinden oder besser: das Lebensgefühl musikalisch zu erfassen, indem sie sich begegnen, enden die Experimente oft in unbefriedigendem, wenn nicht gar kitschigem Crossover. Bei diesem Projekt aber, das zu einer Tanzperformance der Sasha-Waltz-Tanzcompagnie anlässlich der Eröffnung des von David Chipperfield restaurierten Neuen Museums in Berlin entstand, scheinen sich der Minimalist Philip Glass und der frühe Barockmeister Tarquinio Merula tatsächlich etwas zu sagen zu haben. Dass dies anders als bei jüngeren, ähnlichen Versuchen von Rolf Lislevand, Los Otros oder auch dem allzu aufgesetzt poppigen Purcell-Projekt der Lautten Compagney selbst in diesem Falle doch gelingt, das liegt zum einen an den klug und sehr behutsam eingesetzten Klangfarben: Der morbide Ton des Saxofons und der glockige Klang des Marimbafons in Glass' "Windcatcher" fügen sich in den obertönigen Sound der darmbesaiteten Streicher ein, ohne in ihm zu verschwinden. Brücken zum Klang der historischen Zinken oder der hier eben nicht bloß zu plumpen Beat-Effekten eingesetzten Percussion bauen sich von selbst. Vor allem aber ist der alternierende Wechsel zwischen Glass und Merula nicht statisch, sondern als Prozess angelegt: Gegen dessen Ende, in einem Capriccio von Merula, verbinden sich einerseits die Klänge des Marimbafons und der Geige zu einem neuen Klang, der gleichzeitig an eine historische Orgel erinnert. Doch dann schichten sich neue und alte Instrumente über einem beständig wiederholten Bassmodell zu einer spannungsreichen Klangballung mit einmontierten Zitaten, die die Gegensätze zwischen Alt und Neu ebenso wenig leugnen will wie David Chipperfields Architektur.

Carsten Niemann, 13.03.2010



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