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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Dimitrie Cantemir u.a.

Istanbul

Hespèrion XXI u.a., Jordi Savall

Alia Vox/harmonia mundi AVSA 9870
(73 Min., 02/2009) 1 CD

Dimitrie Cantemir (1673-1723) hat sicher das Zeug zu einem Helden der Moderne. Weil der moldawische Fürst, Historiker, Musiker, Musikwissenschaftler, Geograf und Humanist einen Teil seiner Jugend als Geisel und Diplomat am Hofe des osmanischen Sultans verbrachte, war ihm die orientalische Welt ebenso vertraut wie die Welt der Höfe von Berlin, St. Petersburg oder Paris – wobei sein Name für Voltaire ebenso zum Begriff wurde wie für die Tanbur-Spieler in der Türkei. Die wichtigste musikalische Leistung des vielseitigen Cantemir bestand darin, dass er mithilfe eines eigens erfundenen Notationssystems erstmals die traditionelle türkische Musik notierte und auch eigene Stücke in ihrem Stil komponierte. Dass Cantemir nun auch von Jordi Savall auf den Schild gehoben wurde, ist eine gute Nachricht. Denn auch wenn die Werke aus Cantemirs Manuskripten inzwischen häufiger zu hören sind, so scheint es doch ein Vorzug dieser Aufnahme zu sein, dass die von Savall zusammengestellte Multikulti-Truppe zugleich virtuoser und historisch-kritischer mit dem Material umgeht als die Mitbewerber. Weil Savall überdies der Meinung ist, dass sich die Tempi der traditionellen türkischen Musik im Laufe der Zeit verlangsamt haben, wirkt das Ergebnis – analog zu Interpretationen westlicher Werke in historischer Aufführungspraxis – insgesamt leichter, farbiger und bewegter. Problematisch ist jedoch, dass sich Savall nicht auf die von Cantemir überlieferte Musik beschränkt, sondern versucht, ein umfassendes Panorama der Musik zu bieten, die zu Cantemirs Zeit in Istanbul/Konstantinopel zu hören war. Dass Cantemirs Weisen ziemlich nahtlos in die Musik der sephardischen und armenischen Traditionen übergehen, ist dabei fast etwas zu schön, um wahr zu sein. Wer die orientalische Buntheit nicht nur als Zusammenklang einer großen multikulturellen Völkerfamilie genießen, sondern sich auch über die kulturellen Differenzen in Tonsystemen, Instrumentation und Formen informieren will, dem hilft das demonstrativ achtsprachige Beiheft leider nur unzureichend weiter. Dass die deutsche Übersetzung aus der Langhalslaute Tanbur, auf der Cantemir brillierte, eine Trommel macht, ist ein Zeichen dafür, dass Erklärungsbedarf besteht.

Carsten Niemann, 20.03.2010



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