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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington

Hänssler Classic/Naxos 93.244
(72 Min., 9/2008) 1 CD

Dass Roger Norrington seinen seit 1998 geltenden Vertrag mit dem RSO Stuttgart nicht verlängert, kann man nur zutiefst bedauern. Erst recht angesichts seines neuesten Coups, Mahlers Neunter, die die Klangästhetik des bald 76-jährigen, unbotmäßigen Engländers: den "pure tone", den reinen, "realistischen" Klang, auf den schärfsten Prüfstand stellt. Aus zweierlei Gründen. Einmal, weil Norrington die EMI-Aufnahme Bruno Walters von 1938 zum historischen Wendepunkt erklärt: Walters Einspielung mit den Wiener Philharmonikern ist ihm das letzte Dokument einer vibratofreien orchestralen Spieltradition, die für Brahms, Wagner, Bruckner und Mahler (und dessen Schüler Walter) noch selbstverständliche Kompositions- und Interpretationsgrundlage war – bis sich mehr und mehr das Dauervibrato durchsetzte. An jene Zeit gilt es wieder anzuknüpfen. Sodann: Mahlers letztem vollendeten Opus haften derart stark Konnotationen von Abschied, Resignation, Weltschmerz und Tod an, dass man sich schlicht nicht vorstellen kann, wie diese alles umarmenden, alles verbrennenden Streichergesänge der beiden Ecksätze mit ihrem berühmten, unendlich verlangsamten Doppelschlag-Motiv – wie das alles ohne das scheinbar unabdingbare, gefühlige "Saitenzittern" wirken kann. Es bzw. er kann – und wie! Norringtons Neunte ist nicht nur ein Fest lupenreinster Klangarchitektur und luzidester Stimmführung, sondern auch ein Fanal der überbordenden Daseinslust, des vitalsten "Und dennoch!", das jenen Vorgaben auf hinreißende Art trotzt. Natürlich wusste man auch bisher schon von der verstörend neuen, vorausschauenden Tonsprache gerade der beiden "sehr derben" Mittelsätze (etwa durch Bernsteins einzigartige Berliner Aufführung von 1979). Doch Norringtons Kunst, sich kammermusikalisch-filigran den zum Teil brutalen, schmerzhaften Ausdrucksextremen Mahlers hinzugeben – dieses scheinbare Paradox öffnet einem doch noch einmal mehr die Ohren für Mahlers Radikalität. Schließlich: Wer vermisst in dieser schlanken, glasklaren, obertonreichen Sonorität der Stuttgarter Streicher und ihren wahrhaft ins Jenseits entschwebenden Abschlusstakten ein Vibrato? Mahler jedenfalls hatte es nicht nötig, sein aufgeschlossener Hörer von heute auch nicht, im Gegenteil.

Christoph Braun, 03.04.2010



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