Wie schade, dass man mit Juan Diego Flórez kaum dessen Prachtaufgaben im Studio dokumentiert, also nicht "La fille du régiment", "La Cenerentola" oder "I Puritani". Stattdessen müssen wir uns mit diesem nicht wirklich einschlägigen, für Flórez-Fans freilich unabdingbaren "Orphée" begnügen. Überzeugend besetzt nur in Gestalt des Tenors, fehlt der Aufnahme vor allem ein Dirigent, der den hohen Standards der Alte-Musik-Fraktion etwas entgegensetzen könnte. Die gehörig auftrumpfende Liveaufführung unter López Cobos ist aufnahmetechnisch gut betreut, laviert jedoch künstlerisch zwischen weit voneinander entfernten Ufern.
Wer würde darauf kommen, dass hier überhaupt Gluck musiziert wird? Dem lasch flockigen Klangbild des Madrider Opernorchesters fehlt die Gravität einer "Tragédie opéra". Der spanischen Sopranistin Ainhoa Garmendia (früher an der Oper Leipzig) fällt in der hier vorliegenden Pariser Fassung die berühmte Arie "Cet asile aimable et tranquille" zu. Doch sie klingt zu unbedarft und in der Höhe schon fast etwas scharf. Auch Alessandra Marianelli als L'amour hätte man unter Studiobedingungen gewiss nicht gewählt. Freilich läuft ohnehin alles auf Flórez hinaus. Metallisch gehärtet, macht der Peruaner hier einen viel heldischeren, belcantohaft großzügigeren Eindruck als sonst. Ausgerechnet hier! Interessant ist das vor allem für Gesangshistoriker, da Flórez beinahe an Francesco Tamagno als Verdis (Ur-)Otello erinnert, so schlank, fest und doch beharrlich ausschwingend erblüht sein Tenor. Beeindruckend und stimmlich exquisit. Nur: Als ernstzunehmende Gluckaufnahme kann man diesen Ausflug kaum werten.

Robert Fraunholzer, 17.04.2010



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