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Ludwig van Beethoven

Streichquartette B-Dur op. 18/6, op. 130 mit der Großen Fuge op. 133 als Schlusssatz

Artemis Quartett

Virgin Classics/EMI 694 5840
(74 Min., 11/2009)

Dass "diese" späten Streichquartette ratlos machen, dafür muss man sich bekanntlich nicht schämen. Nicht nur Zeitgenossen und Verleger schüttelten ihre Köpfe, auch kundige Kollegen wie Hugo Wolf gestanden später ihr Unverständnis, ganz zu schweigen von den Philistern der nachfolgenden Epochen, die ihr klassisches Formbewusstsein schon allein durch Beethovens Abkehr von der Viersätzigkeit ramponiert sahen. Wie sehr die Ratlosigkeit über dessen neue, radikal expressive Kontrastierungskunst (jenseits der tradierten Arbeit mit Haupt- und Nebenthema) faszinieren kann, das zeigt das Artemis Quartett in seiner Gesamteinspielung, die langsam, aber aufsehenerregend voranschreitet und mit den beiden B-Dur-Werken jetzt in die vierte Runde geht. Die Ausnahmequalitäten des 1989 gegründeten, 2007 in den beiden Mittelstimmen mit Gregor Sigl und Friedemann Weigle neu besetzten Ensembles, erschöpfen sich nicht in technischer Brillanz, die hier – besonders evident – im gespenstischen Presto-Satz des späten B-Dur-Werkes zutage tritt (mit Natalia Prischepenko und Eckart Runge in grenzwertigem Temporausch). Gerade bei Beethoven ist auch die Homogenität der Artemisianer auf atemberaubende Weise zu erleben. Kaum ein anderes Ensemble (auch nicht die großen Vorbilder, wie etwa das Alban Berg Quartett) deckt die Pianissimo- und Fortissimo-Sprengkraft dieser Kunst, die Gefühlsextreme in denkbar komplexe Strukturen gießt, so gnadenlos auf. Sphärisch gelöste, warmherzigste Legato-Gesänge erklingen da verstörend schön neben katapultartig herausfahrenden Verzweiflungsausbrüchen. Schließlich: Steht vielen Quartett-Kollegen bei der Großen Fuge op. 133 (als ursprünglichem Schluss-Satz von op. 130) der Angstschweiß auf der Stirn, so stürzt sich das Artemis Quartett mit geradezu trotzigem Furor in die harmonisch-rhythmischen Wechselbäder. Und der gebannte Hörer hat nach den 15 bizarren Minuten nichts oder nur wenig verstanden, aber alles erlebt.

Christoph Braun, 26.06.2010



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