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Wolfgang Amadeus Mozart

Klavierkonzerte Nr. 20 u. 27

Evgeny Kissin, Kremerata Baltica

EMI 626 645-2
(63 Min., 6/2008)

Mozart selbst machte das immer so. Er saß (vielleicht augenzwinkernd?) am Flügel und dirigierte das mächtige musikalische Häuflein um sich herum, er war der Primus inter Pares. Kein Pult-Titan, der ihn in dieser konzentrierten Form der Kommunikation störte. Und seien wir ehrlich: Für die Klavierkonzerte Amadés braucht es in der Tat weder an noch für sich einen Patriarchen, der Solist und Orchester zu verbinden suchte. Die Komplexitäten dieser Kompositionen werden auf einer anderen Stufe verhandelt, sie sind weit mehr semantischer Natur. Und so muss sich keiner die Augen reiben, wenn er erfährt, dass auch das einstige Wunderkind Evgeny Kissin sich dieser guten alten Tradition nun besonnen hat. In seiner neuesten Aufnahme sitzt Kissin an der Spitze der famosen Kremerata Baltica, als Solist und musikalischer "Direktor". Das Ergebnis ist zum Niederknien, vor allem im d-Moll-Konzert KV 466. Dämonen wandeln, nicht selten diabolisch grinsend, durch dieses Stück, so wie Kissin es deutet: gleichsam als eine Opernfantasie aus dem Geiste "Don Giovannis". Und wähnt man diese Dämonen anfangs noch in weiter Ferne, so nimmt das Grollen und damit die Bedrohung mit zunehmender Dauer ersichtlich zu. Und spätestens in der Kadenz des Allegros, die Beethoven für dieses Opus ersann, wird klar, welche Mächte hier, und das ziemlich unvermittelt und schroff, aufeinanderprallen: Licht und Dunkel, Gott und Satan, ja sogar: Leben und Tod. Kissins Spiel ist dabei wieder einmal von betörender Energetik und von einer messerscharfen Diktion, die nicht einen Augenblick das ungefiltert Versöhnliche sucht. Auch im B-Dur-Konzert waltet entschieden resoluter Gestus. Nichts ist da verzärtelt, auch nicht im Orchester, und wieder lugt der Geist der Oper, diesmal aber mehr der einer humanistisch gefügten Buffa, durch sämtliche offene Türen. So ist auch der Klang beschaffen, und das bei beiden Partnern gleichermaßen. Es ist ein vitaler (und vitalisierender), frischer, offener und luzider Klang. Kurzum: Mozart hätte gewiss sein Vergnügen daran. Und da wir es auch haben, sagen wir es rund heraus: Chapeau!

Tom Persich, 14.08.2010



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