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Llyrìa

Nik Bärtsch’s Ronin

ECM/Universal ECM 274 2820
(56 Min., 3/2010)

Der selige Miles Davis hat die Maxime "the music must speak for itself" vertreten und Cover-Texte nicht gemocht. Auch bei ECM folgt man sonst diesem puristischen Programm. Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch jedoch darf sich im Booklet seines neusten Albums zu "Empathie und Phrasierung" äußern. Kein Wort dabei über den enigmatischen Albumtitel oder den von der Kritik meist bemühten "Zen-Funk" seiner Band mit dem japanischen Namen Ronin. Es geht vielmehr darum, wie aus der in seinem Quintett organisch gewachsenen Kommunikationstechnik der Spiegelung Empathie und gemeinsame Phrasierung entstünden und wie die sich in "von selbst geflügelten Phrasen, kuriosen Wendungen voller Leben und rhythmischen Pointen" ausdrücken. In den sieben Kompositionsmodulen von "Llyrìa" wird dies durchaus ohrenfällig: Bewusst gestattet Bärtsch seinen Mitspielern in den von ihm streng angelegten Ablaufs- und Motivgeflechten eine größere gestalterische Freiheit als bisher.
Besonders Saxophonist und Klarinettist Sha darf über den sich periodisch übereinander schichtenden Minimalmotiven des Klaviers immer wieder ausgreifende Linien artikulieren, und es klingt, als komme er und nicht E-Bassist Björn Meyer aus Skandinavien. In raffinierter Verzahnung entwickeln die motivischen Verzahnungen meditative Wirkung und dabei paradoxerweise einen stets vorwärts drängenden Bewegungssog – auch wenn dieser immer wieder unterbrochen und mit neuer Metrik unterfüttert wird. So ist denn die Rolle der Schlagwerker – Andi Pupato diskret an der Perkussion und Kaspar Rast blitzgescheit, ausgebufft und knackig am Drumset – von eminenter Bedeutung. Mag Ronin auch den herrenlosen einzelgängerischen Samurai bezeichnen, so macht "Llyrìa" doch erneut deutlich, dass es sich bei dieser Formation um einen lebendigen Clan handelt, der mit einem eigenen Dialekt die Sprache der Musik bereichert, der aus der Kraft des Rhythmus, der melodischen Wiederholung und Schichtung kommt und mit den Mitteln der Mediation wie Empathie und Spiegelung des Befindens den Weg zu tranceseliger Meditation zu weisen vermag – Ermüdungsgefahr mit eingeschlossen.

Thomas Fitterling, 13.11.2010



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