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Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven u.a.

Dietrich Fischer-Dieskau – Aufnahmen aus den Archiven

Dietrich Fischer-Dieskau, Hartmut Höll, Yehudi Menuhin, Heinrich Schiff, Daniel Barenboim, Aribert Reimann, Gerald Moore

EMI 455431-2
(304 Min., 1959, 1971, 1982-1984) 4 CDs

Vier CDs mit bisher unveröffentlichten EMI-Aufnahmen von Dietrich Fischer-Dieskau – das klingt zunächst sehr spannend: Vielleicht sind einige jener frühen Meisterleistungen des großen Liedsängers darunter, die auch heute noch immer wieder zum Entzücken seiner Anhänger ans Tageslicht kommen. Aber die Hoffnung wird zumindest partiell enttäuscht. Was Fi-Di im ersten Abschnitt seiner Karriere in den EMI-Studios produziert hat, scheint schon weitgehend aufgearbeitet und auch in aktuellen Editionen vermarktet zu sein. Immerhin eine Folge von achtzehn Liedern Joseph Haydns, begleitet von Gerald Moore und eingespielt im Jahre 1959, repräsentiert in dieser Box die beste Phase des Baritons: Funktionsfähigkeit der Stimme und Deklamationsintensität befinden sich hier noch vollkommen im Lot; man versteht buchstäblich jedes Wort, man wird durch die launigen Lieder geführt wie durch kleine, nette Geschichten – und man genießt doch auch jederzeit das charakteristische Timbre dieser damals so schönen Stimme.
Komplett aus dem Gleichgewicht geraten war diese Balance in der ersten Hälfte der 80er Jahre, als Fischer-Dieskau mit Hartmut Höll eine große Menge von Beethoven-Liedern aufnahm. Das Repertoire ist ohnehin über weite Strecken sehr spröde; hinzu kommt der holzige Klang einer schon bedauerlich stark abgenutzten Stimme, die Spitzentöne nur noch mittels harscher Attacke hergibt und auch in der Mittellage jeglichen Schmelz verloren hat. Müde und zäh hangelt sich der Gesang am Text entlang, hypertrophes Deklamieren dient als inadäquater Ersatz für Belcanto. Diese Aufnahmen hätten nicht mehr gemacht werden sollen. Wer Fischer-Dieskau in jenen Jahren live erlebt hat, weiß, dass er durch die suggestive Kraft seiner Gesamtdarbietung durchaus noch höchst Faszinierendes zu Wege bringen konnte – aber die rein akustischen Eindrücke aus jener Phase befriedigen nicht mehr.
Eine Mittelposition zwischen diesen Extremen nehmen die ebenfalls enthaltenen sechzehn Mozart-Lieder ein, die 1971 mit Daniel Barenboim am Klavier eingespielt wurden: Hier gibt es noch eine Menge irisierend schöner Töne, hier gibt es noch bezaubernde Legato-Strecken, in denen die Sprache freilich trotzdem niemals zu kurz kommt. Nur vereinzelt schleichen sich allzu eng gebildete Töne, deklamatorische Manierismen oder etwas zu hoch intonierte Kopftöne ein. Größere Zeiträume dokumentierende Sammlungen wie diese stehen leider immer in der Gefahr, eine unangenehme Chronologie des Verfalls gleichsam als Subtext mitzuliefern.

Michael Wersin, 13.11.2010



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