Die armen Kinder von Dessau. Weihnachten 2007 gab‘s keine Märchenstunde im Theater und keine Oper für Kinder. Sondern ein Lehrstück über das Böse in der Welt – sowohl im Großen, Politischen (Bürgerkriegsgemetzel der Weimarer Republik, Weltkriegsgräuel mitsamt verhungernden Kindern aus dem Warschauer Ghetto) wie im Kleinen, Familiären (Mütterhiebe und Vatersuff). Letzteres ist der Bechsteinschen Märchen-Vorlage, die Humperdincks Schwester für ihr Libretto wählte, durchaus geläufig. So dass Hartz-IV-Regie-Modernisierungen nicht ganz abstrus sind. Aber wie Johannes Felsenstein, berühmter Sohn und Generalintendant der Anhaltischen Bühne, den Opernklassiker instrumentalisierte, um in der deutschen Geschichtsgräuelkiste wühlen zu können, das entbehrte dann doch oft eines verständigen Musiksinns (oder was haben Humperdincks traumverlorene Sehnsuchtstakte mit Stalinorgeln und abgeschlachteten Leibern zu tun? Das berühmte "Ein Männlein steht im Walde" musste ein Weltkriegskrüppel sein, und der Knusperhäuschen-Akt im bundesdeutschen Wirtschaftswunderland spielen ...)
Nichts gegen Sozialkritik und Brechung der Märchen, das tut gerade diesem so oft verharmlosten Opus gut. Aber warum so todernst, so grausam, so – deutsch? (Wie bissig und witzig – und auch kindgerecht – Sozialkritik sein kann, das zeigte kürzlich Laurent Pelly an der Glyndebourne-Oper). Auch die Dessauer Hexe (Ludmil Kuntschew) gab nichts Komisches ab. Immerhin: Ein paar zauberhafte Illusionen ("Traumpantomime") hat Felsenstein dann doch noch zugelassen. Ansonsten hatte es Humperdincks Geniestreich schwer gegen die Regieüberfrachtungen. Dass musikalisch Einiges dennoch berührte (ohne mit Regieschocks kontrastiert zu werden), lag an den durchweg frischen, beim Titelpaar Sabine Noack und Cornelia Marschall geradezu mustergültigen Stimmen und den beherzt aufspielenden Philharmonikern.

Christoph Braun, 20.11.2010



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