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Frédéric Chopin

Vier Balladen, Vier Scherzi

Bernd Glemser

Oehms Classics/harmonia mundi OC 758
(73 Min., 11/2009)

Schleppen sich diese Künstler-Jubiläumsjahre ihrem Ende entgegen, fragt man sich doch, ob es überhaupt einmal Grund zum nachdenklichen Aufhorchen gab in all dem Trubel. Kurz vor der Jubiläumsdämmerung kommt mit Bernd Glemser jemand, der in einer hinreißend gelungenen Einspielung aller Balladen und Scherzi einmal etwas gründlicher auf das Werk selbst geblickt und den Staub des Gewohnten ganz sacht fortgeblasen hat. Er bleibt den Eruptionen, auf die einige dieser Stücke zudriften, pianistisch nichts schuldig, aber mehr noch interessieren ihn die Beleuchtungswechsel der dramaturgischen Nahtstellen. Den Übergang zum Kinderlied-Mittelsatz des ersten Scherzos hat man lange nicht mehr so delikat und zugleich erwartungsgespannt hören können. Auch der sich aufstauende Jubel vor der Coda des cis-Moll-Scherzos leuchtet geradezu vor Schönheit und Glück. Vielleicht sind diese 'schönen Stellen' – man könnte noch einige nennen – gerade darum so magisch unter Glemsers Händen, weil er eigentlich immer ihren erzählerischen Sinn aufzeigt. In dieser Hinsicht krönt seine Version der zweiten Ballade die Produktion. Er begnügt sich nicht damit, zwei Aggregatzustände des Musikalischen zu kreieren, ein Andantino, zerbrechlicher und fröstelnder als selbst bei Moravec, und ein Presto in glühendem Delacroix-Pinselstrich. Er spürt auch den rätselhaften Wechselwirkungen der Kräfte nach, und selten wohl war eine exakt ausgezählte Achtelpause ganz am Ende sprechender: Wie ein Totenglöckchen fällt der monotone Andantino-Rhythmus – seltsam Ravels "Gibet" vorausahnend – dem formlosen Toben der Coda geradezu ins Wort und bringt es zum Schweigen. Ein großer Chopin-Moment. Könnte man die Kraft sorgsam ausgeleuchteter Details besser beweisen?

Matthias Kornemann, 11.12.2010



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