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Diverse

Hagen Quartett 30 (Streichquartette von Beethoven, Mozart & Webern)

Hagen Quartett

Myrios Classics/harmonia mundi MYR 006
(76 Min., 5 & 12/2010)

30 Jahre Hagen-Quartett: Man mag es nicht glauben, wenn man in die Gesichter sieht. Gidon Kremer lud Anfang der 80er Jahre die damals 15- bis 20-jährigen Geschwister aus Salzburg zu seinem Lockenhaus-Festival ein und ebnete ihnen so einen Weg, der bald in den Olymp des modernen Quartettspiels führen sollte. Auch kaum zu glauben: Von Abnutzung oder Routine keine Spur, im Gegenteil – Lernen scheint das Hauptmovens der drei Hagens Lukas, Veronika und Clemens zu sein, denen sich 1987 Rainer Schmitt als zweiter Geiger hinzugesellte. Mit György Kurtág und Nikolaus Harnoncourt standen ihnen Persönlichkeiten zur Seite, die auf zeitgenössischem bzw. historischem Terrain gleichermaßen lehrten, Musik als Sprache, als packende 'Klangrede' zu verstehen (und weniger als in Formen gegossene Klang-Architektur).
In Beethovens zweitem Rasumowsky-Quartett begreift man so drastisch wie fasziniert, wohin dieses Musikverständnis führt. Ungeschützt offen, quasi ohne Rückversicherung im Formengerüst, begibt man sich in diese radikale Gefühlswelt. Risiko statt Schönklang. Da darf auch manche Kantilene der Ecksätze hässlich-graue Farben aufweisen und manche Adagio-Dissonanz physisch lange schmerzen – Hauptsache, die Botschaft stimmt. Dass einen der Hagen-Drive des slawisch gefärbten dritten Satzes förmlich anspringt, muss man da kaum noch betonen – ebenso wie die schlichtweg 'perfekte' Homogenität des Ensembles. In Mozarts Haydn gewidmetem Es-Dur-Werk lassen sich die heutigen Hagens mehr Zeit als in ihrer 20 Jahre alten DG-Aufnahme. Das dient jedoch keiner klassischeren Ausgewogenheit, sondern, im Gegenteil, einer mitunter geradezu 'romantisch'-tiefschürfenden Verinnerlichung im Andante und im Trio des dritten Satzes, ohne den gewitzten Esprit, etwa im Menuett, zu vernachlässigen. Allein schon die demonstrativ gesetzten Pausen, das plötzliche Innehalten, erzwingt – Harnoncourt lässt grüßen – etwa im gestisch pointierten Frage-Antwort-Spiel des Schlusssatzes unbedingte Aufmerksamkeit fern aller 'Geläufigkeit'. Dass schließlich auch Webern zum Standardrepertoire der Hagens zählt, wird an der technischen Souveränität und atemlosen Spannung hörbar, mit der hier die Miniaturen von op. 5 und op. 9 aufgeladen werden. Leider muss man noch zur Kenntnis nehmen, dass sich ein solches Ausnahme-Quartett nicht mehr vom Flagschiff deutscher Tonträger, der DG, genügend repräsentiert fühlt. Um so höher und wertvoller ist der Enthusiasmus einzuschätzen, mit dem sich der Myrios-Gründer Stephan Cahen der Ausnahmekunst des Ensembles künftig annimmt.

Christoph Braun, 02.04.2011



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