Responsive image

The Windmills Of Your Mind

Paul Motian

Winter & Winter/Edel 1001822WIN
(52 Min., 9/2010)

Reduktion ist nicht gerade ein Begriff, den man mit Schlagzeugern in Verbindung bringt. Oft verlangt ja auch der Kontext von einem Schlagzeuger, für einen bestimmten Groove eine hohe Mindestzahl von Schlägen pro Minute zu erzeugen. Dennoch ist Reduktion das, was man unmittelbar mit Paul Motian in Verbindung bringt – und das kurioserweise vielleicht noch mehr mit seiner Stilistik als Schlagzeuger denn als Komponist. Seit den Siebzigerjahren bestimmt er selber als Leader sein Umfeld und somit auch die Funktion des Schlagzeugs darin. Seit 31 Jahren ist der Gitarrist Bill Frisell immer wieder ein wichtiges Mitglied seiner Ensembles. Er ist auch bei diesem Projekt zugegen, das Winter & Winter dem Meister der Reduktion zu seinem 80. Geburtstag schenkt. Neben den alten Partnern wirkt auf zehn der 16 Tracks die Sängerin Petra Haden mit. Sie ist eine der Drillingstöchter des Kontrabassisten Charlie Haden, quasi eines Bruders im Geiste von Paul Motian, kein Wunder also, dass der sich mit Thomas Morgan einen Tieftöner ganz aus der Tradition des Vaters der Sängerin ausgesucht hat. Von dem Programm, das ursprünglich "Paul Motian on Broadway Vol. 6" heißen sollte, geht ein zarter Hauch von countryhaftem Folkfeeling aus. Das liegt an der auch im Instrumentalen deutlich strophenhaften Gestaltung der jeweils kurzen Titel, dem spezifischen Gitarrensound Frisells und ganz besonders an Petra Hadens Gesangsstimme, die Motian treffend als 'lieblich, fast unschuldig klingend' bezeichnet; dieser mädchenhaft metallische Schmelz hat denn auch gar nichts mit sündigem Nachtklub-Ambiente zu tun. Und Motians Spiel hat gar nichts zu tun mit der dort üblichen Funktion des Schlagzeugs in einer Rhythmusgruppe. Verinnerlicht vollziehen alle Beteiligten den Puls der stets gelassen daherkommenden Songs, phrasieren gemeinsam aus dem Gestus der Musik und können so auf ein explizites Durchmarkieren des Beats verzichten, sind in die Freiheit entlassen, nur das Nötigste spielen zu müssen und das Wesentliche gestalten zu können. Das tun sie denn auch mit betörender Magie – auch wenn es bei Motian öfters nur ein einsamer Strich des Besens auf der Snaredrum ist. Herrlich auch der ohne digitale Verfremdung aufgenommene Two-Track-Analogklang auf dieser limitierten Hardcover-CD. Eine audiophile Vinyl-Ausgabe ist in Vorbereitung.

Thomas Fitterling, 16.04.2011



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Den Dreh raus: Zu den Instrumenten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Bildfläche verschwinden, gehört die Drehleier. Mit ihrem Nachhall in den hohlen Winter-Quinten in Schuberts „Leiermann“ verabschiedet sie sich aus der Musikgeschichte. Dabei erfreute sie sich, als erstes Instrument, dass Saiten und Tastatur miteinander verband, das ganze Mittelalter hindurch noch eines hohen Ansehens, bevor sie zum Instrument der Bettler und fahrenden Musiker wurde. Den Höhepunkt ihrer […] mehr »


Top