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Mondvogel

Johannes Enders-Trio

Jazzwerk/Jazzwerkstatt JW 117
(42 Min., 3/2010)

Wenn nachts ein größerer Nachtfalter auf dem Grillplatz ins Feuer flattert, könnte dieser ein Mondvogel (gewesen) sein. Dieser Spezies widmet der Tenorsaxofonist Johannes Enders das Titelstück – und dies mit Fug und Recht, denn der Schmetterling ist robust gebaut, verfügt über eine beträchtliche Spannweite von fünf Zentimetern. Seine Flügel sind in vielen Grauschattierungen mit einem hellen Punkt gefärbt, was dazu führt, dass er in Ruhestellung wie ein abgebrochener Zweig am Ast hängt.
Was dies nun mit dem Trio von Johannes Enders zu tun hat? Zunächst einmal: Es ist gut getarnt und weitgehend unbekannt. Dabei steht es in bester Tradition der klavierlosen Trios von Sonny Rollins oder Joe Henderson – aber auch die zählen zu den gut versteckten Insidertipps. Nehmen wir die Grauschattierungen. Da haben wir die Töne aus seinem Tenorsaxofon, die hell und dunkel schillern, borstig und samtig wirken, gleiten, schreiten und explodieren. Und die Spannweite: Die hinter Enders Improvisationslinien stehenden Gedanken reichen weiter als einen Chorus. Sie bauen weiträumige Strukturen aus Fragen und Antworten, hingeworfenen und später ausgeführten Gedanken, Druck und Entspannung, Leichtigkeit und Kraft, die auch im impulsiven Kontrabass von Ed Howard und dem ebenso unspektakulären wie effektiven Schlagzeugspiel von Sebastian Merk ihren Widerhall und Widerpart finden. Dieses Zusammenspiel ergibt einen robusten, vom melodienseligen Spiel aller drei Instrumente geprägten Körper, mit dem Enders‘ Mondvogel zielgerichtet ins Licht fliegen kann. Dass es dort heiß hergeht, versteht sich von selbst, und nicht jeder Anflug ist gleich tödlich. Im Gegensatz zum Mondvogel, den irgendwann der Aufwind der Hitze nicht mehr dem Feuer entreißen wird, zieht das Trio genügend lange Kurven, dass es immer wieder ausreichend abkühlt, um – leicht taumelnd, aber immens zielgerichtet – einen neuen Anflug sorgenfrei unternehmen zu können. Zehn Titel stellt das Trio vor, und jeder davon ist auf eine andere unauffällige, selbstverständliche Art wagemutig.

Werner Stiefele, 22.10.2011



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