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Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven

Contrapunctus XI aus der Kunst der Fuge, Streichquartett a-Moll op. 132, Cellosonate F-Dur op. 5/1

Antje Weithaas, Christian Tetzlaff, Rachel Roberts, Tanja Tetzlaff, Gustav Rivinius, Aaron Pilsan

CAvi/harmonia mundi CAVI 8553225
(72 Min., 6/2010)

Das einwöchige Kammermusikfestival, das Lars Vogt seit 1998 im schmucken Wasserkraftwerk Heimbach in der Nordeifel organisiert, wirbt mit dem kraftvollen Titel „Spannungen“. Wenn sich beim letztjährigen Quartett-Abend das Programm weniger spannungs- als beziehungsreich gestaltete, so war das nicht unbedingt von Nachteil. Selten konnte man die (atmo-)sphärische Nähe zwischen Bachs Kunst der Fuge und Beethovens op. 132 so unmittelbar erleben wie hier, wo Antje Weithaas, Rachel Roberts und die Tetzlaff-Geschwister Christian und Tanja jenen elften Kontrapunkt aus Bachs unvollendetem Rätselwerk präsentierten, der seufzend mit einer barocken Suspiratio-Figur anhebt, chromatisch absteigend an den Choral „Aus tiefer Not schrei‘ ich zu dir“ erinnert und das (persönliche) B-a-c-h-Kreuzmotiv zitiert. Ähnlich autobiografische, leidvolle (und leidüberwindende) Züge trägt Beethovens a-Moll-Quartett, dessen Fertigstellung im Frühjahr 1825 von einer schweren Krankheit des Wiener Genius unterbrochen wurde. Die kanonisch einsetzende, langsame Einleitung mit dem viertönigen Grundmotiv und vor allem der berühmte „heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ künden davon. Beide Werke, so unterschiedlich sie in ihrer Fraktur auch sind, wurden in Heimbach gehörig emotionalisiert, Beethovens Opus geradezu zur „Appassionata“ der Gattung aufgeladen.
Das blieb bei aller mitreißenden Emphase nicht ohne Folgen für die Klangkultur. Legt man hier höchste Maßstäbe an, etwa diejenige des Emerson String Quartets, so ließ manches den letzten Homogenitäts-Schliff vermissen. Zudem geriet das „neue Kraft fühlende“ D-Dur-Andante jenes zentralen Satzes mit seiner tänzelnden Attitüde vergleichsweise schwerfällig – die Emersons präsentieren da den ungleich grazileren, swingenderen „Genesenen“. Dass Ensemble-Homogenität keine Frage des Alters ist, bewiesen am Tag darauf der 46-jährige Gustav Rivinius und der 16-jährige Aaron Pilsan in Beethovens erster Cellosonate. So schlank und spielfreudig sich der Saarländer gab, so souverän meisterte der jugendliche Österreicher den geradezu orchestralen Klaviersatz. Nur ein unentwegtes Rumpeln stört die Aufnahme dieser makellosen Quartett-Zugabe.

Christoph Braun, 05.11.2011



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