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Gabriel Fauré

Kammermusik (Gesamtaufnahme)

Renaud Capuçon, Gérard Caussé, Gautier Capuçon, Nicholas Angelich, Michel Dalberto, Quatuor Ébène

Virgin/EMI 0708752
(32 Min., 7/2008, 10/2010) 5 CDs

Hübsch sieht sie aus, diese Fauré-Box, etwas skurril à la Hector Guimard. Mancher wird schon jubilieren, dass man sich Faurés Kammermusik, einem monumentalen Werkkomplex, überhaupt einmal wieder widmet, zumal sich in dem Gedanken, die Werkpaare – zwei Sonaten für Violine, Cello und Klavier, zwei Klavierquartette und –quintette ‒ jeweils einem älteren und einem jüngeren Pianisten zu überlassen, ein schönes Konzept der Stabübergabe an die nächste Generation andeutet. Aber so schnell sollte man nicht zufrieden sein. In der „next generation“ ist der Stab nicht unbedingt angekommen. Zunächst ist die Klangbalance dieser Aufnahmen von seltener Unausgewogenheit. Die Streicher könnten plastischer und brillanter kaum eingefangen werden, der französischer Musik wunderbar gemäße Bechsteinflügel aber scheint irgendwo im Wintergarten abgestellt worden zu sein.
Aber die wahren Probleme sind stilistischer Art, und sie liegen bei den so bevorzugten Streichern. Renaud Capuçon spielt die A-Dur-Violinsonate, als hätte er ein tönendes Pendant zu den art-nouveau-Ranken der Cover abliefern wollen. Nahezu phrasierungslos schlängeln sich schmalzige Bandnudelbögen um den äußerst subtil artikulierten Klavierpart – Michel Dalberto, noch alte Conservatori-Schule, hat ein feines Stilbewusstsein bewahrt. Die jüngere Generation aber scheint sich mit süßlicher Gefälligkeit völlig zufriedenzugeben. In der zweiten Sonate (1917), diesem kargen, erschreckend ausgebrannten Kriegsstück, sind schluchzende Portamenti im Hauptthema dann nur noch ärgerlich, zumal es dem Begleiter (mehr ist der ohnehin stets etwas zur Glätte neigende Nicholas Angelich hier nicht) kaum gelingt, mit vehementen synkopischen Attacken des Basses die Zuckergussschicht der Violine zu durchbrechen. Der Kopfsatz kann dann schnell wie eine bleiche Sequenzen-Studie klingen.
Gautier Capuçon rettet die Familienehre und liefert mit Dalberto eine aufwühlende, vom synkopischen Grimm des Beginns unter phantastischer Spannung stehende erste Cellosonate und zieht in der Nr. 2 sogar den etwas pomadigen Angelich mit. Er rettet das Projekt.
Der Eindruck der größer besetzten Werke ist weniger günstig. Die Streichergruppe ist zweifellos unglaublich homogen, aber überklebt die Akzente des Klaviers und scheint wiederum eine pastose, artikulatorische Details plüschig überrollende Haltung zu kultivieren. Es ist kaum zu glauben, in welchem Maße Faurés nervös atmende Phrasierungen im Kopfsatz des c-Moll-Quartetts unter süffigem Endloslegato begraben werden. Nur penibel lesende Spieler kreieren jene nervöse Finesse, die den Klang dieser Texturen eigentümlich flirren lässt. Dies hier ist nur belle epoque-Edelkitsch. Wer Fauré nicht kennt, wird diese Aufnahmen möglicherweise angenehm finden, aber er wird zugleich zur großen Gruppe jener treten, die dieser Musik auch weiterhin den Rang allerhöchster Meisterschaft abspricht. Und das ist ärgerlich. So bleibt die französische Werkschau aus den 70ern, bei Brillant wiedererschienen, nach wie vor die Referenz. Die 2 Punkte für das Gesamtprojekt mildern die Cellosonaten und das Streichquartett mit jeweils 4 Punkten Einzelwertung etwas ab.

Matthias Kornemann, 26.11.2011



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