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Claude Debussy

Pelléas und Mélisande

Anne Sofie von Otter, Wolfgang Holzmair u.a., Orchestre National de France, Bernard Haitink

Astrée Naïve/Harmonia Mundi V 4923
(3/2000) 3 CDs

Was du zu greifen versuchst, wird sich dir entziehen, könnte man jedem Interpreten zurufen, der sich um Debussys "Pelléas" bemüht. Die Figurinen in Maeterlincks kaum lesbarem lyrischen Drama stammeln ihre Halbsätze, sie weinen in ihrer verschatteten Welt und sehnen sich nach "Clarté".
Debussy wählte dieses naive Marionettentheater, um hinter seiner Folie ein einzigartiges System musikalischen Symbolismus zu entfalten. Aus dem Orchestergraben entspinnt sich ein motivisches Beziehungsgeflecht, das uns andeutet, warum die Figuren weinen und in dunklen Wäldern umherirren. Sie selbst wissen es nicht, sie bleiben transparent für diesen wandelbar sie durchscheinenden motivischen Strom. Bernard Haitkink birgt die Leitmotive sorgsam, holt sie gewissenhaft hervor und wägt ab. Wir begreifen, doch mache Szene steht, manchmal wird der Orchesterklang hölzern und betulich. Seltsamerweise steht er damit weitaus stärker in der französischen Pelléas-Tradition als die betörenden Fassungen Karajans (EMI) und Abbados (DG).
Das Verhängnis dieser Aufnahme aber heißt Anne Sofie von Otter, die den unfasslich subtil rhythmisierten, hingehauchten Part der Mélisande offenbar als Rohmasse zu opernhafter Weiterverwertung begreift und nahezu unerträglich mit psychologischen Drapuren umhängt. So perfekt ihre Mezza-voce-Umfärbungen in Mélisandes Turmlied sein mögen, wir fühlen jederzeit das Erschauspielerte, fühlen, wie dieser Verismo-Ballast die Zartheiten der Rolle erdrückt. Auf wirklich jedem Tönchen sitzt ein bedeutungsheischender kleiner Drücker. Eine stimmtechnische Tour de force, meinetwegen, aber ebenso ein Dokument beispiellosen Missverstehens.
Es ist die Andeutung, die Geheimnis und Doppelsinn erschafft. Die Otter aber will keine femme fragile, sie will eine richtige Opernfigur. So greift sie nach den symbolgeschwängertsten Sätzen (besonders an den Aktschlüssen: Akt 1 - "Pourqois partez-vous?", Akt 2 - "Je préfère marcher seul") und legt raffinierte Seelenschminke auf. Der leise Orchesterkommentar, der diesen Augenblicken Ahnung und Tiefe gibt, dringt nicht mehr hindurch, er scheint abzuperlen, zumal Haitink gerade diese dichten Aktschlüsse aussäuselnd verloren gibt. Debussys symbolistisches System erblindet. Siegreich und doch einsam steht eine Nuancenzauberin inmitten einer Musik, die keine vergleichbar scharfe Würze bietet. Wäre die Otter lieber eine Chio-Chio San?
So wird der exzellente Pelléas Wolfgang Holzmaiers leider beiseite gedrückt. Der überlässt sich nämlich Debussys Strom vollendet nachformender Sprachnotation krampflos, und der trägt ihn zu den wenigen ekstatischen Augenblicken, wo diese ungreifbare Musik tatsächlich den Tonfall traditioneller Opernaffekte aufnimmt. Auch die übrige Besetzung ist solide. Eine gute, streckenweise technisch glänzende Opernaufführung war dies zweifellos. Eine glückliche "Pelléas"-Aufführung aber war es nicht.

Matthias Kornemann, 23.05.2002



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