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Claude Debussy

Das Klavierwerk (Gesamtaufnahme)

Larissa Dedova

Centaur/Klassik Center Kassel CRC 3094
(4 & 5/2008, 10 & 11/2009) 4 CDs

Der Weg zur Debussy-Vollkommenheit ist weit. Kaum hat der Spieler die Pforte passiert, an der er eine perfekte Klangkontrolle nachzuweisen hat, tut sich ein stiller, nachhallender Raum auf, in dem sich eigentümlich zerfallende musikalische Gestalten entfalten und verflüchtigen, bevor man sie erfasst hat. Und all dieser Andeutungszauber wird mit Debussys angsteinflößender Notation an den Boden der Partiturwirklichkeit gepflockt. Wie oft hört man beflissene Pianisten, die uns all diese Kompliziertheiten abbuchstabiert und mit Perlmuttschimmer überhaucht hinmalen, und doch schaut das Nichts durch die Nähte. Der vollendete Debussyist aber lebt ein Paradoxon. Aus dieser Welt des Skizzenhaften und Geahnten muss sich seine Persönlichkeit völlig zurückgezogen haben und doch ein lebendiger Atem hindurchgehen und aus all den disparaten Klanggesten eine Art Organismus bilden. In Larissa Dedovas Aufnahme, die im Jubiläumsjahr nicht mehr übertroffen werden wird, ist dies fast Unmögliche Wirklichkeit geworden. Nicht einmal Michelangeli, der Dedova an Klangkultur übertreffen mag, konnte die Partiturdetails der „Danse de Puck“ derart gestochen scharf abbilden und zugleich die versponnene, von einem versteckten „Pelléas“-Zitat durchwobene Traumwelt in Gänze zum Leben erwecken. Dedova neigt eher dazu, Klangschichten auseinanderzusezieren als verschwimmen zu lassen – die Detailfunde sind verblüffend; man meint geradezu die Besetzung des „Fernorchesters“ in den „Collines de Anacapri“ benennen zu können. Manches, wie den Mittelteil der Toccata des „Pour le piano“ könnte man ein wenig trocken-professoral finden. Umso rauschhafter treibt sie den Satz dann ihrem Ende entgegen.
Dedova, Meisterschülerin Lev Oborins und damit aus russischem „Pianisten-Uradel“, findet jene magische Natürlichkeit zweiter Ordnung, die uns kaum wahrnehmen lässt, wie organisch sie die Nahtstellen verschweißt, wie souverän sie über die gleitenden Temporelationen gebietet – nahezu jeden Takt verlangt Debussy sachtes Bewegen und Biegen, von verschleierten Metren ganz zu schweigen. Es wirkt, als verspanne die Pianistin den Notentext mit Gummibändern, so dass er weder in der Horizontalen noch in der Vertikalen auseinanderfallen kann, mag er auch so auseinanderstreben wie in der „Terrasse des audiences“ (Préludes II) oder den „Sons et les parfums“ aus der ersten Sammlung. Wem das gelingt, der hat den Debussy-Olymp erreicht.
Larissa Dedova wird den gesamten Debussy-Zyklus am 11. und 12. März in Basel spielen. Es ist ihr einziger Termin in Europa. Glücklich ist, wer es nicht weit nach Basel hat!

Matthias Kornemann, 04.02.2012



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