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Diverse

Thomas Beecham in Toronto

Sir Thomas Beecham, CBC Symphony Orchestra, Royal Philharmonic Orchestra

Music&Arts/Note 1 MACD1255
(1958-1960) 4 CDs

Selbstverständlich folgte Sir Thomas, der Scharfzüngige, nicht selbst der von ihm aufgestellten „goldenen Regel“, wonach ein Orchester nur gemeinsam beginnen und aufhören müsse – „was dazwischen ist, darum schert sich das Publikum nicht.“ Auf unverwechselbare, zum Teil skurrile (und natürlich auch zeithistorisch bedingte) Weise demonstriert die „Beecham in Toronto“-Box, wie akribisch der 81-jährige Doyen der britischen Musikkultur mit dem CBC Symphony Orchestra (also dem zwischen 1952 und 1964 existierenden RSO aus Toronto) arbeitete – „dazwischen“.
In den bislang unveröffentlichten kanadischen Aufnahmen von 1960 und den beigegebenen Auszügen aus BBC-Konzerten der Jahre 1958/59 (mit Beechams Royal Philharmonic Orchestra) erwartet den Hörer ein konzentrierter Querschnitt durch sein Schaffen. Den quirligen, gewitzten und überaus sorgfältigen Haydn- und Mozart-Gestalter demonstrieren die „Surprise“(„Paukenschlag“)- und 102. beziehungsweise die „Haffner“- und „Prager“-Sinfonie. So mitreißend die Ecksätze gerieten, so problematisch für heutige, historisch geschulte Ohren erscheinen die agogischen Freiheiten, mit denen Beecham nicht nur die Andante- zu Adagio-Sätzen zerdehnte, sondern auch den Moll-Abschnitten der Allegro-Sätze den trefflichen Vorwärtsdrive nahm.
Skurril geht es bekanntlich in Beechams Händel-Bearbeitungen zu. Hier offenbart sich ein geradezu wollüstiger Romantiker, der sich keinen Deut um „professors, pedants and pedagogues“ scherte. Seine „Love in Bath“-Suite klingt heute wie eine monströse Verwurstung von zehn Händel-Opern- und Suitenhappen, deren Geigenschluchzer und Bläserbombardements den Hörer in ein seltsames Niemandsland zwischen „Carmen“ und „Enigma-Variations“ katapultieren.
Den glühenden Strauss- und Wagner-Verehrer repräsentierten eine heftig lodernde Liebesszene der „Feuersnot“ sowie ein kantig-sehniges „Meistersinger“-Vorspiel, das auftrumpft ohne pompös zu werden. Lalos weitgehend unbekannte g-Moll-Sinfonie wiederum inszeniert Beecham als aufwühlendes Bühnendrama ohne Worte. Die jahreszeitlich geordneten, klangfarblich subtil changierenden „North Country Sketches“ von 1913/14 stellen Frederick Delius vor – jenen britisch-deutsch-französischen Tonsetzer, den Beecham (in strikter Ablehnung aller avancierten Moderne) als „letzten großen zeitgenössischen Verkünder von Romantik, Gefühl und Schönheit in der Musik“ feierte und förderte.
Kontrastintensiver Editions-Höhepunkt ist Brahms‘ D-Dur-Sinfonie: Ihre Kopfsatz-Kantilenen singen hier wunderbar schlank und intensiv, ihr Adagio-Idyll duftet betörend – und ihre Eruptionen lässt Beecham so harsch auffahren und in eine furiose Final-Stretta münden, dass man dem Liebestaumel eines Zwanzigjährigen (statt eines 81-Jährigen) beizuwohnen glaubt. Last but not least: die „Lollipops“, die berühmten, mit wahrlich britischem Humor kommentierten Konzertzugaben. Hier, am 5. April 1960, erläuterte Beecham den Kanadiern, dass er die kleinen Süßigkeiten bei sich zu Hause in London den Konzertbesuchern verabreiche, um sie zu wecken und endlich nach Hause zu schicken. Mit derart spritzig und grazil geführten Suppé- und Rossini-Ouvertüren (letztere mit einer seltsam dauerklingelnden Triangel?) dürfte das Aufwecken keine Probleme bereitet haben, wohl aber das Nachhauseschicken.

Christoph Braun, 17.03.2012



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