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Wolfgang Amadeus Mozart

Klavierkonzerte d-Moll KV 466, C-Dur KV 467

Jan Lisiecki, Christian Zacharias, Symphonieorchester des BR

DG/Universal 4790061
(59 Min., 1/2012)

Zwei Mal das identische Werkpaar, einmal streng historisch mit Fortepiano und solistischem Begleitensemble, einmal konventionell mit modernem Steinway und Sinfonieorchester. So naheliegend der Hör-Vergleich, so irreführend ist es, vom (negativ besetzten) „konventionell“ auf das Vergleichs-Ergebnis zu schließen.
Am Mozart Jan Lisieckis und Christian Zacharias‘ findet sich jenseits des gewohnten Instrumentariums kaum Konventionelles. Was der 16-jährige Kanadier polnischer Abstammung in den beiden scheinbar so ungleichen, in vierwöchigem Abstand im Februar/März 1785 geschaffenen Nachbarwerken KV 466 und 467 an struktureller und dramaturgischer Einfühlung aufbringt, das lässt einen staunen. Nicht nur bzw. nicht so sehr Lisieckis Jugend wegen (diese Kategorie hat sich in unserem von quartalsmäßigen Medienhypes gehetzten Klassikmarkt inzwischen ziemlich abgenutzt); sondern eines klaren Mozart-Verständnisses halber, mit dem er beide Konzerte, vor allem das pathosschwangere d-Moll-Konzert vom romantischen Rezeptionsballast des 19. Jahrhunderts befreit. Und dabei Mozarts Ausdrucksintensität, auch des scheinbar so reinen C-Dur-Werkes, nichts schuldig bleibt. Dass dies auch das Verdienst Christian Zacharias‘ ist, versteht sich von selbst bei diesem ausgewiesenen Kenner der Materie, der zurzeit seine eigene zweite Gesamteinspielung aller Klavierkonzerte unternimmt. Mit forschen, aber nicht gehetzten Tempi versagen sich beide die Unsitte, die Ecksätze des d-Moll-Opus zum Vor-Beethovenschen Schicksalsdrama aufzuladen. Das „Andante con moto“ wiederum, das historisch korrekt als zügig vorwärtsschreitend verstanden wird, belässt der Romanze ihre innere Ruhe ohne in romantisierende Traumverlorenheit abzugleiten. „Elvira Madigan“-Schwärmer werden erst recht bei Mozarts „Ultimate Most Relaxing“-Satz, dem Andante des C-Dur-Konzertes, den Sahne-Schmelz vermissen, den Lisiecki mutig und weise mit strikter Allabreve-Vorgabe verweigert.
Selbstredend hat sich auch Arthur Schoonderwoerd der „Antiromantik“ verschrieben. Sein erster konzertanter Mozart-Streich darf durchaus revolutionär genannt werden, und zwar weniger seines im wahrsten Sinne zartbesaiteten, noch ziemlich cembalonahen Nachbaues eines Walter-Fortepiano von 1782 wegen (das kennt man schon von Bilson/Gardiner bzw. Levin/Hogwood) als des solistisch besetzten Cristofori-Ensembles wegen. Schon die synkopisch verschobene, geheimnisumwitterte Orchestereinleitung des d-Moll-Werkes (bei der Schoonderwoerd mitspielt), irritiert, denkt man in der Tat zunächst an Sparmaßnahmen (bzw. an eine der damals üblichen Kammerfassungen „großer“ Konzerte). Sodann aber verblüfft die Tutti-Klangmacht der vierzehnköpfigen Truppe und der verschärfte Solo-Tutti-Kontrast. Wobei „Solo“ bezeichnenderweise nicht nur Schoonderwoerds Part meint, sondern auch alle „Begleiter“, die bestens mit dem Fortepiano korrespondieren. Fast möchte man – vor allem im Schluss-Allegro des C-Dur-Werkes – von einem „Concert pour plusieurs instruments“ sprechen. Im Gehalt kann Schoonderwoerds Mozart leider nicht ganz mithalten mit dem filigranen Klang-Konzept. So sinnvoll eine Ent-Romantisierung ist: Mit dem Fortepiano fühlt man sich hier doch zu sehr in rokokohaft verspielte Gefilde der Bach-Söhne zurückversetzt. Jene von Lisiecki so meisterhaft präsentierte Ausdrucksdichte Mozarts jedenfalls vermag sich bei den buchstabengetreuen Historisten nicht durchweg einzustellen.

Christoph Braun, 16.06.2012



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