Kunst ist Therapie - nicht unbedingt für die Hörer, wie immer behauptet wird, wohl aber für die Schöpfer. Dvorák hatte kein Vorbild in der tschechischen Musik, als er sein erstes (und raumgreifendstes) oratorisches Sakralwerk komponierte, auf den mittelalterlichen Liturgietext „Stabat Mater“. Er skizzierte das Oratorium vom Schmerz der Mutter Gottes über den verlorenen Sohn, nachdem sein eigenes Kind, Josefa, eines von dreien, gestorben war. Bevor er das Werk instrumentieren konnte, starben auch noch die beiden andern.
Dennoch endet das erschütternde Werk in Lebensbejahung und Hoffnung auf Erlösung; war in der Eröffnung noch jede der gewaltigen Aufwallungen gnadenlos erstickt worden von einem verminderten Akkord, so strebt die entsprechende Klimax am Ende („Paradisi gloria“) in eine strahlende D-Dur-Erlösung - Dvorák war eben ein tiefgläubiger Mensch.
Giuseppe Sinopoli stellt das Oratorium beeindruckend „objektiv“ hin, in den Steigerungen klug kontrolliert, aber nicht gebremst, episch phrasierend, natürlich atmend, ohne die manieristischen Mätzchen seiner Anfänge, ohne diesen „emotional“ gemeinten Überdruck. Das in zehn Abschnitte gegliederte Werk ersteht aus einem Guss, Orchester wie Chor sind fabelhaft, und die Solisten gliedern sich uneitel ein - ihre Gesamtleistung ist jedenfalls besser als die Summe der Teile (z. B. der wabernde Tenor). Keine Stars, das ist sympathisch, und Sinopoli, der einzige Star der Aufnahme, spielt sich nicht als solcher auf - noch sympathischer.

Thomas Rübenacker, 05.04.2001



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