Im Film gibt es den Begriff des "B-Movies"; im übertragenen Sinne würde man ihn zur Beurteilung dieser Aufnahme verwenden, spätestens ab dem Zeitpunkt jedenfalls, wo der Washington-Chor, laut Beiheft ein "cultural leader" der "Washington metropolitan area", nach der langen Orchestereinleitung auf den Plan tritt. Das Ensemble macht seine Sache recht gut, die Soprane sind zum Beispiel durchaus in der Lage, einen hohen Ton zu decrescendieren, aber insgesamt kommt keine Freude auf: Es fehlt jenes Sahnehäubchen der besonders schönen, dichten, mitreißenden Stimmproduktion und Klangqualität, mit dem nicht einmal zwangsläufig professionelle Rundfunkchöre, wohl aber semiprofessionelle Gruppierungen wie der Kammerchor Stuttgart oder das Collegium Vocale Gent das Ohr des Hörers verwöhnen. Dadurch wird die Darbietung eines so stark vom Chorgesang geprägten Werks wie Dvoráks "Stabat Mater" zu einer wenig aufregenden Angelegenheit - Langeweile droht allenthalben.
Wirklich problematisch wird die Sache aber mit dem Auftreten der Solisten: Der Tenor John Aler, kein ganz unbekannter Vertreter seines Fachs, erschreckt durch den kläglichen Zustand seiner Stimme, die haltlos tremoliert und nur mit äußerster Kraft einigermaßen in der Spur gehalten wird. Wie konnte Aler so in stimmliche Schwierigkeiten kommen? Marietta Simpson verleitet durch ihren wenig spektakulären Gesang zu einer Missdeutung der Beiheft-Aussage, sie sei einer der "meistgesuchten Mezzosoprane der gegenwärtigen Musikszene". Auch Christine Brewer und Ding Gao sind keineswegs befriedigende Besetzungen für die beiden verbliebenen Stimmlagen des Solistenquartetts.
Kurzum: Bei einem so schwierig überzeugend zu gestaltenden Werk geht das "B-Movie-Konzept" (unbekannteres Ensemble zu günstigem Preis) nicht auf, denn der Klassik-Neuling erlebt mit dieser Aufnahme nicht den nötigen "Kick", um Dovráks "Stabat mater" lieben zu lernen.

Karl Dietrich Gräwe, 03.10.2002



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