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Without A Net

Wayne Shorter-Quartet

Blue Note/EMI 9795162
(78 Min., 2011)

Sie sind Hochseilartisten. Und sie stürzen auch nicht ab, wenn sie auf dem dünnen Draht einer Kompositionsskizze Pyramiden bilden oder Salti schlagen. Wayne Shorter, zum Zeitpunkt der Aufnahme 78 Jahre alt, ist weit davon entfernt, sich aufs bequeme Altenteil zurückzuziehen. Im Gegenteil. Er sucht das Risiko mit einer Band, die wunderbar assoziativ mit dem Material umgeht, ohne ins Zerfaserte, Beliebige abzurutschen. Wagemutig werfen sich Shorter, der Pianist Danilo Perez, der Bassist John Patitucci und der Schlagzeuger Brian Blade knappe Figuren zu, sie verharren, balancieren, öffnen Räume, trippeln: Da muss jede Faser gespannt sein. Das geht weit über alles hinaus, was im akustischen Jazz üblich ist, zumal die vier keine Scheu haben, die Chorus-Strukturen aufzureißen, sofern es der Verlauf verlangt. Sie drehen und wenden die Themen, ballen ihre Improvisationen zu dichten Clustern und lösen diese oft völlig überraschend wieder auf. Selbst die älteren Shorter-Kompositionen „Orbits“, „Plaza Real“ und „Myrrh“ oder die Filmmelodie „Flying Down To Rio“ wirken dadurch so frisch wie die Neuschöpfungen des Albums. Acht Stücke mit drei bis zwölf Minuten Dauer wurden 2011 während der Europa-Tournee des Quartetts aufgezeichnet. Das dazwischen platzierte, 23minütige „Pegasus“ stammt hingegen aus einem Konzert in der Disney Hall von Los Angeles. Hier ergänzen die „Imani Winds“ das Quartett bei einer exzellenten Kreuzung aus Kammermusik und Jazz mit exakt komponierten Passagen und von kraftvollen Rhythmusstrukturen getragenen Improvisationen. So frei, souverän und aufmerksam, wie diese drei miteinander kommunizieren und konsequent die gängigen Bebop- und Free-Floskeln meiden, haben sie jene neue Qualität der Jazzentwicklung erreicht, von der in den 1960ern einige wenige Jazz-Innovatoren – unter ihnen auch Wayne Shorter ‒ träumten.

Werner Stiefele, 16.02.2013



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