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Claude Balbastre, Louis-Claude Daquin, Alexandre Guilmant, Jean-Pierre Leguay, Louis Vierne u.a.

Three Centuries Of Organ Music At Notre-Dame de Paris

Olivier Latry

Naïve/Indigo 978182
(77 Min., 1/2013)

Kein Choral und keine Fuge – und trotzdem soll diese CD drei Jahrhunderte Orgelmusik an Notre-Dame de Paris repräsentieren? Sie tut es tatsächlich – denn die meisten Titularorganisten, die an der seit der Barockzeit beständig erweiterten Hauptorgel Platz nahmen, wussten sehr wohl den Bedarf ihrer Hörer nach populären Formaten zu bedienen.
Wenn ihr Nachfolger Olivier Latry großzügig ein Register nach dem anderen herausreißt, um die CD mit einer rhythmisch packenden und – bei richtig eingestellter Lautstärke – das ganze Zimmer in Vibrationen versetzenden Improvisation zu beschließen, dann kann er sich auch hierin als getreuer Erbe einer langen Tradition fühlen: Schon als Louis-Claude Daquin (1694-1772) die Orgel schlug, mussten eigens eingesetzte Ordner den Strom der Zuhörer im Zaum halten, und seinem ebenfalls auf der CD vertretenen Kollegen Claude-Bénigne Balbastre (1727-1799) wurde in einer anderen Kirche sogar das Spiel in der weihnachtlichen Mitternachtsmesse verwehrt. Von Balbastre hat Latry ein Schlachtengemälde über die Marseillaise und das Revolutionslied „Ah! Ça ira“ ausgegraben. Das 19. Jahrhundert ist unter anderem mit drei tonmalerischen Fantasiestücken von Louis Vierne („Mondschein“, „Irrlichter“ und „Das Glockenspiel von Westminster“) vertreten, während im 20. Jahrhundert Improvisationen im Vordergrund stehen, zu denen sogar ein Boléro mit Schlagzeug von Pierre Cocherau gehört.
Seine Musikerseele verkauft Latry dabei mitnichten: Mit echt französischem Klangfarbensinn, stets epochengerechten Registrierungen, aufnahmetechnisch hervorragend eingefangenen Echo- und Fernklangwirkungen sowie einer mühelos wirkenden und nie auftrumpfenden Virtuosität beweist er einfach nur, dass sich sein Instrument nicht hinter Weihrauchschwaden verstecken muss.

Carsten Niemann, 13.07.2013



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