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Frédéric Chopin

Etüden opp. 10 & 25

Jan Lisiecki

DG/Universal 479 1039
(60 Min., 1/2013)

Dass Chopins Etüden keine Fingerfertigkeitsübungen, sondern große, poetische Tondichtungen sind, ist eine fast schon banale Feststellung. Und doch, wer würde nicht ein fast zirkusartiges Kribbeln spüren, wenn sich ein Akrobat ihren gefürchteten pianistischen Aufgaben stellt? Das ist die andere, sportive Seite dieser doppelgesichtigen Werke. Und ja, natürlich ist es gemein, erst einmal schwierige Stellen abzuklopfen und den Artisten einzuschätzen, aber wenn ein 17-Jähriger mit einem solchen Programm debütiert, gehört das halt zum „Geschäft“. Kurz gesagt, mit entsprechend gedrillten Russen und Asiaten kann es Jan Lisiecki kaum aufnehmen. Das ist auf einer CD noch gnadenloser wahrzunehmen als im Konzert. Trotz Gesundheitstempo kleben in der cis-Moll-Etüde (op. 10/4) die Finger der Linken manchmal aneinander (T. 23 f.). Auch wenn in der Terzenetüde die selbigen fallen (ab T. 11), läuft das allenfalls auf gut erarbeitetem Meisterklassenniveau.
Auf der anderen Seite macht der Kanadier, trotz des etwas unkontrollierten, vielleicht verzweifelt die Defizite abdeckenden Pedalgebrauchs tatsächlich Musik, hört der linken Hand zu, versucht sich an Gestaltung jenseits der bloßen technischen Bewältigung. Und manchmal entdeckt er da „Unerhörtes“, etwa in der ausgesprochen leichtgängig und klangschön gebotenen „Schwarze-Tasten-Etüde“: erstaunlich, wie es Lisiecki gelingt, uns auf die einzige und doch hintergründig akzentuierende 32tel-Pause (!) im Flug der Rechten aufmerksam zu machen, mit der Chopin das Geschehen – delicato e smorzando – für den Bruchteil einer Sekunde stocken lässt. Kleine Preziosenfunde und Beleuchtungswechsel, die ein junger Pianist seiner sympathischen Sorgfalt verdankt und die seine Fassung über die Konkurrenz juveniler Selbstdarsteller erhebt. Vom Niveau eines Pollini ist diese Produktion dennoch Lichtjahre entfernt.

Matthias Kornemann, 03.08.2013



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