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Grand River Crossings

Geri Allen

Motema (Membran) 233768
(54 Min.)

Es müssen nicht immer die tausendfach abgenudelten Standards vom Broadway sein. Die 1957 geborene Pianistin Geri Allen greift auf die Songs zurück, die zwischen den 1960ern und den 1980ern aktuell waren, darunter viel Soul und Funk, die gemeinhin mit der Motor City Detroit und zum Teil mit Barry Gordys Label Motown assoziiert werden. Diese verwandelt sie in Klavier-Preziosen, wobei sie die Tanz- und Discoqualitäten der Nummern hinter sich lässt, andererseits aber – popüblich – die Songs auch durch schlichtes Ausblenden verebben lässt. Sie verwandelt die Popsongs in bedächtige Meditationen, indem sie mit rhythmischen Finessen das Material völlig neu ausdeutet.
In Michael Jacksons „Wanna Be Startin‘ Somethin‘“ setzt sie kunstvoll federnde Ostinati gegen hippelige Melodievariationen, und Smokey Robinsons „Tears Of A Clown“ wird zur nachdenklichen, wenig motorischen Ballade. Ähnlich zurückhaltend bearbeitet sie Stevie Wonders „That Girl“, „Baby I Need Your Loving“ der Four Tops, “Stoned Love” der Supremes, “Inner City Blues” und “Save The Children”, aber auch – aus dem Motown-Schema fallend – „Let It Be“ der Beatles. Mit drei besinnlichen Eigenkompositionen „Grand River Crossings I“, „Grand River Crossings II“ und dem motorischen „In Appreciation“ ergänzt sie das Hitmaterial. In drei Titeln gesellt sich der Trompeter Marcus Belgrave zu ihr, und in einem der Saxofonist David Murray; ansonsten ist sie solo zu hören.
Greg Phillinganes, der mit Michael Jackson, Quincy Jones, Lionel Richie und anderen arbeitete, schrieb ihr ins Booklet, sie sei mit den fünfzehn Titeln bei einer „neuen Klassik“ angekommen. Das ist zu hoch gegriffen, verdeutlicht aber die Haltung hinter den Bearbeitungen: Sie sollen nicht nur Hits für den Alltagsgebrauch sein. Geri Allen versucht, die Songs aus dem Ursprungszusammenhang zu lösen und als zeitloses Material zu nutzen. Dasselbe ist einst mit den Hits von George Gershwin, Cole Porter und den vielen anderen Broadway-Komponisten geschehen, die über Jahrzehnte zum Standard-Repertoire des Jazz wurden. Dieser Transfer ist die eigentliche Leistung der Scheibe.

Werner Stiefele, 07.09.2013



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