Trotz ihrer vermeintlich „simplen“ Märchenmoral verweigert sich Mozarts „Zauberflöte“ seit jeher einspurigen Deutungsansätzen. Überwogen bis vor wenigen Jahren die romantisch-idealistischen, d. h. „Sarastro-freundlichen“ Tendenzen, so ist man, spätestens seit dem Siegeszug des musikalischen Historismus, zu den volkstümlichen Wurzeln der „Altwiener Singspieltradition“ zurückgekehrt und versucht, das widerspenstige Märchen in seinem ursprünglichen Zeitbezug neu zu deuten.
Insofern betreibt John Eliot Gardiner hier die konsequente Fortsetzung seiner an Mozarts Wiener Opern durchgeführten radikalen Schlankheits-Kur: Auch die 1995 bei den Ludwigsburger Schloßfestspielen „halbszenisch“ produzierte „Zauberflöte“ besticht durch ihre ungemein flüssigen, lebendigen, gestisch durchgeformten, theaterhaft-quirligen Zeitmaße, die auch die letzten Reste von Patina mutig abschlagen, aber es fehlt die neue Dimension der Tiefe, eine neue, differenzierte Deutung der Handlungsbrüche, Symbole und Charaktere.
Gardiner reißt alles in den Strudel seiner blendenden Virtuosität, und Mozarts grandiose Musikgestalten degenerieren zu einer Herde gutdressierter Porzellanfigürchen: niedlich, ausdrucksarm, blutleer. Arnold Östman (vgl. CD-Olymp) veranstaltete 1993 ein ähnlich rasantes Kammerspiel der Gefühlsnuancen, aber das beflügelte den Ausdruckswillen seines Star-Ensembles, während Gardiners junge Truppe nicht richtig „ins Spiel“ kommt. Herausragende Ausnahme: der quicklebendige Kanadier Gerald Finley in der „Hauptrolle“ Papagenos.
Fazit: Östman bleibt die Referenz, und Gardiner kann in Zukunft seine allzu kurzen Zügel ruhig etwas lockern: Mozart ist so nicht zu „bändigen“.

Attila Csampai, 30.04.1996



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