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Antonín Dvořák, Bedřich Smetana

Streichquartett F-Dur op. 96 „Amerikanisches“, Streichquartett e-Moll „Aus meinem Leben“

Tokyo String Quartet

harmonia mundi HMU 807429
(53 Min., 2/2006) SACD

So lange scheint der Name Tokyo String Quartet zu bestehen, man glaubte kaum, das Ensemble könne sich überhaupt auflösen. Die Langlebigkeit hatte ihren Preis. Nur ein Veteran der Gründungsformation, der Bratscher Kazuhide Isomura, war am Ende noch dabei. Sein bescheidener Wunsch nach Ruhestand machte einer 44-jährigen Geschichte in diesem Sommer ein leises Ende.
Was verloren geht, hört man in diesem sehr persönlichen Abschied. Aus dem breiten Spektrum amerikanischer Quartette – von den gelegentlich fast berserkerhaft expressiven Juilliards bis zu den polierten Perfektionismen der Emersons – fiel dieses Ensemble heraus, das seine Ursprünge zwar in Japan hatte, sich aber 1969 an der Juilliard School in New York fand. Ausgesprochen häufige Wechsel – allein fünf beim Primarius – konnten das ganz eigene Gesicht dieses Quartetts nicht wesentlich verändern.
Ein warmherzig gedämpfter Perfektionismus, bewegend in der emotionalen Untertreibung (Brahms), fixiert auf den schönen, makellos balancierten Ensembleklang, den kein unkontrolliert harscher Akzent durchbrach. Das galt noch für die ruppigsten Passagen bei Beethoven, und ein Streichquartett Bartóks konnte, von den Tokyos klassizistisch gebändigt, seine Traditionswurzeln offenlegen. Die Wahl der Abschiedswerke – schon 2006 aufgenommen! – spiegelt die Geschichte der „Tokyoter“ zwischen den Welten auf überaus subtile Weise. Das „amerikanische“ Quartett Dvořáks thematisiert ja das Ineinanderfließen von Traditionen und Klangsprachen und spart dabei nicht mit extremen thematischen und auch dynamischen Gegensätzen. Hier sind sie gemildert, aber nicht geebnet. Es ist die goldene Mitte höchster Ensemblekultur, das einzigartige Stradivari-Instrumentarium tut das Seine. Organischer kann das Hauptthema, vage mänandernd und ein wenig tänzerisch, dem Seitenthema kaum entgegenmodulieren – das fällt sehr oft ins Episodische –, das Finale beginnt einmal nicht in wildwestartigem Galopp, und wenn es sich dann in weniger bewegte Bereiche verliert, wird die verhangene Welt in einer Weise ausgehorcht, die das Äußerste an Quartettkultur darstellt.
Es ist sicher kein Zufall, dass sich das Ensemble ausgerechnet mit Smetanas (Quartett-)Leben verabschiedet, dessen Beginn schöne Gelegenheit gibt, dem Dienstältesten an der Bratsche eines der Lieblingssoli zu verehren. Vom sanft gebremsten ff-Schlag bis zum verstörenden Tinnitus-Schluss hat man das sicherlich schon dramatisch zugespitzter gehört, aber selten wohl nachdenklicher, brahmsnäher. So geht eine große, auch auf Tonträgern eindrucksvoll dokumentierte Geschichte zu Ende.

Matthias Kornemann, 28.09.2013



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