Bejun Mehta ist kein Sänger für reine Schönklanggourmets. Ihm fehlt die berückende Süße von Cencic oder Barna-Sabadus, dafür gibt es bei ihm stets eine dramatische Wahrheit. Der Wahl-Berliner ist zweifellos der expressivste unter den Top-Countertenören und ein wahrer Meister der Farben und Schattierungen. Bei ihm klingt Verzweiflung nach Verzweiflung, Wut nach Wut und Freude nach Freude. Kein Wunder, dass René Jacobs ihn so schätzt – er muss sich in ihm ein ganzes Stück weit selbst wiedererkennen, sowohl in der gestalterischen Herangehensweise wie in der klanglichen Ausgestaltung sind die Parallelen nicht zu überhören. Jacobs nennt Mehta eine Ausnahmeerscheinung und lässt ihm (nach dem fulminanten Händel-Programm vor drei Jahren) schon zum zweiten Mal die Ehre zu Teil werden, eines seiner Recitals zu dirigieren.
Auf "Che puro ciel" bündelt der Countertenor Arien aus dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts, einer Zeit der Suche und Umgestaltung, die vom Spätbarock in die Klassik führen sollte. Eröffnet wird der Reigen mit Glucks "Orfeo", dessen Soloszene aus dem zweiten Akt auch der Namensgeber des Programms ist, beschlossen mit einer der Farnace-Arien aus Mozarts "Mitridate". In diesen beiden und den dazwischen liegenden neun Ausschnitten zeigt Bejun Mehta, wie man packende Charakterporträts entwirft. Selbst hochvirtuose Nummern geraten ihm nie zur eitlen Selbstdarstellung, sondern transportieren Inhalt und Emotionen. Und so mag er zwar kein Sänger für reine Schönklanggourmets sein, aber ganz sicher einer für Fans vokalen Vollbluttheaters.

Michael Blümke, 14.12.2013



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