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Hugo Wolf, Johannes Brahms

Lieder

Alastair Miles, Marie-Noёlle Kendall

Signum/Note 1 SIGCD369
(66 Min., 1/2013)

Operngesang verträgt sich nicht ohne weiteres mit Liedgesang. Zwar haben seit jeher viele Sänger den Spagat zwischen beiden Genres versucht, einige durchaus mit beträchtlichem Erfolg – aber die Schwierigkeiten, die dabei zutage treten können, werden anhand des vorliegenden Lied-Rezitals des Briten Alastair Miles, der als gefragter Verdi-Bass gelten darf, mehr als deutlich. Er beginnt sein Programm mit Hugo Wolfs „Prometheus“, fraglos ein Lied, bei dem man stimmlich kein Leichtgewicht sein darf. Aber Miles verfällt vom ersten Augenblick an in einen „Über-die Rampe-um jeden Preis“-Modus, der vor allem auf eine quer durch alle Lagen und alle Vokale hindurch gleichermaßen durchschlagskräftige Stimmproduktion hin angelegt ist. Wenn so gesungen wird, dann muss Sprache zu kurz kommen, ganz zu schweigen von dem beträchtlichen Dauervibrato, das zusätzlich für Eintönigkeit sorgt.
Das Vibrato ist, so wird es u.a. bald darauf in Brahms‘ „O wüsst ich doch den Weg zurück“ deutlich, nicht nur im Forte ein Thema: Selbst die vergleichsweise entspannten, lyrischen Kantilenen dieses Liedes werden ständig durch ein Schlackern und Flackern der Stimme zerschnitten, dessen Maß das Erträgliche zumindest auf dem Gebiet des Liedes in jedem Fall übersteigt: Text kann nicht in seiner vollen Differenziertheit und poetischen Schönheit zur Geltung kommen, wenn die Attitüden der Tonproduktion alles andere einebnen und gleichförmig machen. Selbst auf der Opernbühne, so möchte der Autor vorsichtig anmerken, dürfte ein Vibrato dieser Intensität gelegentlich den Bereich des Ungenießbaren tangieren, und im Blick auf die Laufbahn von Herrn Miles ist die Entwicklung bedauerlich: Der Autor zieht Seiji Ozawas lang vergriffene h-Moll-Messe von 2000 aus dem Schrank und hört hier einen nur 14 Jahre jüngeren Miles, der zumindest in der tiefen Arie „Quoniam tu solus sanctus“ mit weitaus ruhiger Stimmgebung zu erfreuen vermochte. Sensibilität für die sprachlich-deklamatorische Seite des Singens allerdings war schon damals nicht seine Stärke.

Michael Wersin, 22.03.2014



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