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Felix Mendelssohn Bartholdy

Lieder ohne Worte (Auswahl), Fantasie fis-Moll op. 28, Variations sérieuses op. 54 u.a.

Bernd Glemser

Oehms/Naxos OC 430
(71 Min., 6/2012)

Die jahrzehntelange Abwertung der „Lieder ohne Worte“, letztlich eine Ausgeburt antisemitischer Ideologie, ist bis heute als zäher Konzertführer-Bodensatz wahrnehmbar. Indes birgt auch die Gegenbewegung ihre Gefahren. Steht ein Interpret zur Ehrenrettung auf, hebt nicht selten eine etwas angestrengte Bedeutungsverdichtung an, die Mendelssohns Absichten vermutlich zuwiderläuft. Wenn sich manche Stellen dann fast wie ein Brahmssches Intermezzo anhören, verliert man einen wesentlichen, genialen Zug ihres Wesens. Diese Kompositionen sind unerhört offen: offen, was ihren Ort im Musikleben oder ihre Klanggestalt angeht – man könnte sogar eine Singstimme hinzufügen. Selbst der ermüdende Gemeinplatz von den höheren Töchtern, die das einstmals so „sentimental“ gespielt haben sollen, belegt die grundsätzliche Offenheit für einzutragende Gefühle. Und so ertragen die „Lieder“ auch sehr gegensätzliche Deutungen. Doch der hausmusikalische Tonfall überwog zweifellos, und langwährende Abnutzung im langen 19. Jahrhundert hat wenig von der Politur der Oberflächen übriggelassen. Diese Aufnahme, vielleicht Bernd Glemsers persönlichste bisher, schöpft nicht nur Poesie und Geist, sondern auch das Potential an Oberflächenglanz und Anmut beglückend aus.
Wer schöne Beispiele suchen möchte, höre etwa das fis-Moll-Lied op. 67/2. Es ist staunenerregend, wie Glemser die Linke in leichten, ebenmäßigen piano-Staccati führt und die Rechte wunderbar aussingt. Auch die Mischung zwischen ungestümem Vorwärtsdrang und makelloser Klangschönheit im „Jagdlied“ ist bestechend – der geschätzte Michael Korstick etwa bolzt da reichlich forsch los, und ein Barenboim bleibt klanglich hölzern. Es ist in dieser Musik eben mehr zu entdecken als ein pianistischer Einheitsgestus. Die Texturen sind vielschichtiger als erwartet, und Glemser zeigt das ohne jene manchmal etwas ermüdende wohlmeinend-didaktische Attitüde. Wenn die „Variations sérieuses“ klingen wie auf dieser CD, hat sich der Gedanke, hier sei etwas zu rehabilitieren, ohnehin verflüchtigt.
Von den beiden dem Klavier zugedachten Hauptwerken Mendelssohns ist die „Sonate écossaise“ sicher die weniger bekannte und technisch heiklere; hier hören wir sie in einer kaum zu übertreffenden Brillanz und Klangschönheit, die in einem irrwitzig sprühenden und doch ebenmäßig abschnurrenden Finale gipfelt – da kommt allenfalls Cherkassky heran in seinem entfesselten, aber auch etwas verhuschten BBC-Mitschnitt. Die Etüde op. 104/2 endlich dürfte die Begeisterung über ein so flüssig-kontrolliertes und zugleich humanes, alles andere als steril-abgezirkeltes Klavierspiel noch steigern. Dieses Mendelssohn-Portät ist ein Glanzstück geworden.

Matthias Kornemann, 26.04.2014



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