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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Nachdem alle Welt davon erfahren hat, dass es fast in ihrer eigenen Bibliothek verbrannt wäre, muss man es sich jetzt doch einmal anhören. Die Rede ist vom Singspiel "Erwin und Elmire", das die Weimarer Musenherzogin Anna Amalia 1775 auf einen Text des jungen Goethe schrieb. Von Goethe ist allerdings nicht viel zu hören: Die Handlung wird von Dominique Horwitz nacherzählt. Das eigentliche Problem dieses Stückes löst man mit dieser Promibesetzung allerdings nicht. Um Goethes Experiment zu verstehen, das in der Verbindung der schon etwas altmodisch gewordenen Form des Schäferspiels mit Reflexionen über die neue, freiere Erziehung besteht, bedarf es der Hilfe eines Sprechers, die sich im 18. Jahrhundert zu Hause fühlt und die scheinbar naiven Protagonisten von innen beseelt.
Bleibt die Musik. Die ist nicht frei von Konvention, aber durchgehend auf professionellem Niveau komponiert, wechselt zwischen anmutigen Liedern und leidenschaftlichen Serianummern und überrascht besonders durch ihre überdurchschnittlich reiche und abwechslungsreiche Instrumentation. Dazu punktet sie mit einer Version von Goethes "Veilchen", die sich zwar nicht mit Mozarts Vertonung messen kann, mit ihren originell platzierten Molltrübungen aber neben ihr nicht im Geringsten blass wirkt. Die Solisten treffen den liedhaften Singspielton, ohne allzu brav zu wirken. Auch das Thüringische Kammerorchester Weimar und sein Dirigent Martin Hoff wissen, was sie ihrer Landesherrin schuldig sind und bieten Musik mit Geschmack und Spielfreude. Leider tun sie das auf modernen Instrumenten – so bleibt zu hoffen, dass einmal jemand den Versuch unternehmen wird, die Pastorale als frisches Bouquet in einer originalen Rokokovase zu präsentieren.

Carsten Niemann, 23.11.2007



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