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Pascal Dusapin

Morning In Long Island, Reverso, Uncut

Myung-Whun Chung, Orchester Radio France

DG/Universal 4810786
(63 Min., 12/2010 - 1/2012)

Als Pascal Dusapin an der Pariser Sorbonne die Kurse von Iannis Xenakis besuchte, war dieser griechische Neue Musik-Titan sofort angetan vom damals erst zwanzigjährigen Studenten: „Ich liebe Pascal Dusapin, weil er kühn, neugierig, unabhängig und organisiert in seinem Denken ist.“ Das war 1975. Und bis heute hat sich der in Nancy geborene Dusapin diese Tugenden bewahrt, weshalb er auch zu Recht als einer der bedeutendsten französischen Komponisten seiner Generation gilt. Das Hauptmerkmal seines fast 100 Werke umfassenden, von der Klavieretüde bis zur großen „Faust“-Oper reichenden Schaffens ist Offenheit. Doch es ist eine gänzlich andere als diejenige, mit der postmoderne Eklektizisten den Weg des geringsten Widerstands gehen. Wenngleich Dusapin möchte, dass seine Musik „gefällt“ (ein Wort, mit dem man sich eigentlich in der Neue Musik-Szene das eigene Grab schaufelt), so besitzen gerade seine klangsprachlich äußerst raffiniert gestalteten Orchesterwerke auch dunkle, geheimnisvolle Räume, die man sich erst einmal erarbeiten muss. Genau auf solche stets unvorhersehbaren Erkundungstouren laden zwei Orchesterstücke sowie das vierteilige Tableau „Morning In Long Island“ ein, deren Elementarkräfte von Myung-Whun Chung und dem Pariser Orchestre Philharmonique de Radio France einfach bewundernswert packend dargestellt werden.
Die beiden Orchesterstücke „Reverso“ und „Uncut“ bilden vorerst den Abschluss eines Zyklus von sieben sogenannten „Orchester-Soli“, die Dusapin zwischen 1991 und 2009 geschrieben hat. Hier wie dort erweist sich Dusapin mit seinen Farbprismen in bester Tradition von Messiaen und Boulez. Und die archaische Dauerimpulsivität erinnert selbst am Rande ihrer Bewegungslosigkeit an ein weiteres Vorbild Dusapins, an Edgard Varèse (bei „Uncut“ flackern zudem immer wieder Wagner-Assoziationen auf!). Auch „Morning In Long Island“ lotet ständig dieses Mischungsverhältnis aus Unruhe und Zauber, Schemenhaftem und Handfestem aus. Und wenngleich das Stück auf einem Aufenthalt von Dusapin in New York basiert, so hat er darüber jetzt natürlich keine Programmmusik geschrieben, sondern eine sich ins unendlich Wilde steigernde Fantasie.

Guido Fischer, 17.05.2014



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