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N° 1282
03. - 09.12.2022

nächste Aktualisierung
am 10.12.2022



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Folk Songs

Dieter Ilg

Jazzline/EFA JL 11146
(55 Min.) 1 CD

Während Brasilianer oder Skandinavier noch nie Probleme hatten, ihr heimisches Liedgut dem Jazz anzutrauen, hatten deutsche Jazzer meist ein gespaltenes Verhältnis zu ihren eigenen “roots”. Empfand man in den Nachkriegsjahren den Jazz als Gegenpol zur verhaßten Blut-und-Boden-Doktrin und somit indirekt zur von den Nazis geförderten Volkskunst, so nahm man bald auch mit Schrecken wahr, wie die Volksmusik einerseits zur kitschigen Massenware herabsank, andererseits von Puristen als lebloses, da unveränderliches, museales Kulturgut “bewahrt” wurde. Wo sollte man auch den deutschen Popularbeitrag zur inzwischen internationalen Improvisationsmusik suchen?
Da griff der einheimische Jazzer schon lieber auf vergessenes mittelalterliches Material wie “Es sungen drei Engel” (Mangeldorff) zurück oder auf Weimarer Balladen und Chansons (Jost, Die Konferenz, Kienemann). So mußte auch ich einst herzlich lachen, als ich in André Asriels Buch “Jazz” (VEB Lied der Zeit) las: “Man vergleiche das deutsche Volkslied ‚Im Märzen der Bauer‘ mit dem Bebop-Thema ‚Move‘. Doch dann wurde es eine fixe Idee: In meinem Geiste (realiter fast nie) hörte ich Jazzversionen von “Der Mond ist aufgegangen” und “Frère Jacques”, ja selbst von Neidhart von Reuenthals “Maienzeit”. Und nun erhalte ich ein Jazz-Album mit eben diesen Liedern! Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich zunächst enttäuscht war, weil ich mir die Lieder so ganz anders ausgemalt hatte. “Bruder Jakob” war kein Kanon mehr, und “Im Märzen der Bauer” (verdient es nicht die Würde eines Haydn-Menuetts?) schien mir “respektlos” zerfetzt. Doch dann war ich beglückt über ein Album, das einfach entstehen mußte! Außer dem koreanischen “Arirang” fast keine Melodien, die Deutschen nicht von Jugend auf vertraut wären, und doch wirken sie originell und überraschend.
Vom innigen “Alles schweiget” zur Groove-isierung der “Maienzeit”, alles poetisch, fantasie- und liebevoll. Das internationale Trio aus dem Bassisten Dieter Ilg, dem Schlagzeuger Steve Argüelles und (im Wechsel) dem Pianisten Benoit Delbecq und dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel geben das Zeugnis, daß Kindheitshits, so oft sie auch zu Tode gesungen, Volkslieder, wenn sie auch jahrhundertelang von Tonsetzern durchgeknetet worden sind, immer wieder frisch und neu erscheinen, sobald sie unter die richtigen Finger geraten.

Marcus A. Woelfle, 31.03.1997



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