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Edward Elgar

Streichquartett e-Moll, Klavierquintett a-Moll

Maggini Quartet, Peter Donohoe

Naxos 8.553737
(62 Min., 12/1995) 1 CD

Pomp and Circumstance? Von wegen! Als Edward Elgar seine letzten großen Kompositionen, zu denen auch das Streichquartett und das Klavierquintett zählen, vollendete, lag seine Welt in Trümmern - materiell wie auch geistig. Es war das Jahr 1919, und nicht nur hatte der Erste Weltkrieg Elgars Glauben an die Menschheit erschüttert, auch hatte in der Welt der Kultur ein neues Zeitalter begonnen, mit dem der Komponist sich nicht anfreunden wollte. Nach dem Tod seiner Frau 1920 zog sich Elgar zurück und schrieb, von einigen Petitessen abgesehen, keine Musik mehr. Ein introvertiert-wehmütiger Abschiedsgestus prägt sowohl Elgars Streichquartett als auch sein Klavierquintett. Beide Werke entstanden zeitlich parallel und weisen viele Gemeinsamkeiten auf - von der Moll-Tonalität über die Dreisätzigkeit bis zum Rückzug auf eine an den späten Brahms angelehnte Klangsprache ohne harmonische oder melodische Experimente.
Dass diese Musik dennoch nicht regressiv klingt, begründet sich in erster Linie aus Elgars kompositorischer Meisterschaft, die in diesen Spätwerken auf jede Ornamentik, aber auch auf Rhetorik verzichtet, wie man sie in einigen seiner früheren Werke findet. Es ist aber auch die unterschwellige Nervosität, jene innere Unruhe, wie sie besonders in den Kopfsätzen spürbar ist, die beide Kompositionen außergewöhnlich macht. Auf relativ unauffällige Art berührt Elgar dunkle und dunkelste Sphären - Seelenbezirke, die wohl nicht jeder bei diesen Komponisten vermuten würde.
Dazu zählt etwa der Beginn des Klavierquintetts, in dem ein resignatives Choralthema im Klavier von abgerissenen, schattenhaften Figurationen der Streicher konterkariert wird. Trotz dynamischer Höhepunkte und Steigerungen von aufrauschender Klanglichkeit im weiteren Verlauf des Satzes kehrt dieses trübsinnige Thema immer wieder und setzt auch den Schlusspunkt - was bedeutet dies anderes als “Meine Zeit ist vorbei”?
Das - mir bislang unbekannte - Maggini Quartet aus England bietet eine sehr sensible und filigrane Interpretation dieser Werke, in der strukturelles Denken und Klangschönheit sich die Waage halten. Peter Donohoes Löwenpranke scheint auf den ersten Blick weder zur Musizierweise der Magginis noch zu Elgars zurückhaltendem Spätstil so recht zu passen, fügt sich aber als energischer Widerpart doch sehr gut ins thematische Geschehen ein. Eine sehr lohnenswerte und noch dazu billige Gelegenheit, zwei Meisterwerke der ausgehenden Romantik kennenzulernen - und vielleicht das eine oder andere Vorurteil über Elgar über Bord zu werfen!

Thomas Schulz, 30.06.1997



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