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Steve Reich

Radio Rewrite

Alarm Will Sound, Alan Pierson, Jonny Greenwood, Vicky Chow

Nonesuch/Warner 7559795470
(46 Min., 4/2014)

„Kommt mir irgendwie bekannt vor“ – das sagt sich leicht, wenn man Steve Reich hört. So viele Haken Reich auch geschlagen hat in seiner Karriere, die nunmehr, man mag es kaum glauben, ein halbes Jahrhundert währt, so viele neue Ideen er gehabt hat und so sehr er die kargen Settings der Anfangsjahre mit der Zeit angereichert hat: Es gibt ihn immer noch, diesen typischen Steve Reich-Sound, diese Wiederholungsschleifen, dieses harmonische Hin-und-Her-Gerücke, diese exquisite Rhythmik, die sich lässig bewegt und dabei nicht nur cool ist, sondern tatsächlich eiskalt.
Wie viel eigenen Charakter er hat, wie stark dieser Steve-Reich-Sound ist, das haben einige seiner Kollegen bereits schmerzlich erfahren – DJs und Elektronik-Frickler, die Klassiker von Steve Reichs remixen wollten und bei aller Mixerei den alten Geschmack nicht los wurden. Ob Howie B, Ken Ishii oder DJ Spooky: Das Original konnten sie bloß verwässern, nicht aber veredeln. Jetzt schlägt Steve Reich zurück: freundlich, aber bestimmt. Auf „Radio Rewrite“ hat der heute 78-jährige New Yorker zwei Songs der britischen Indie-Band Radiohead einer schwerwiegenden Revision unterworfen, „Everything In Its Right Place“ und „Jigsaw Falling Into Place“ – Rockmusik, wie Reich sie ganz altmodisch nennt, arrangiert für ein Ensemble ohne Rockmusiker, arrangiert für die beinahe klassische Besetzung: Klarinette, Flöte, Streichquintett, Vibrafone, zwei Klaviere und Bass.
Als ob er’s den Jungen mal so richtig zeigen wollte, hat Reich, der Sample-Pionier, auf die heute so verbreitete Sample-Technik ganz verzichtet und statt dessen allein die Noten studiert: hat Harmonien isoliert, Melodien verkürzt, Rhythmen verändert, geschliffen und geloopt und so Schritt für Schritt die Vorlage in sich aufgenommen und verdaut. Am Ende klingt Radiohead von vorn bis hinten wie Steve Reich.
Wenngleich also nur wenig noch übrig bleibt vom Original, „Radio Rewrite” ist keine Kritik, sondern eine Hommage: eine Hommage an den Pop und ein Gruß an die jungen Kollegen von Radiohead. Deren Gitarrist Jonny Greenwood bedankt sich denn auch ganz artig auf dem neuen Album für die erwiesene Ehre mit einer wunderbaren Interpretation von Reichs Klassiker „Electric Counterpoint“: So ungeschminkt und direkt, so rau und präsent hat dieses Stück wohl noch keiner gespielt.

Raoul Mörchen, 08.11.2014



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