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Planetary Tunes

Heliocentric Counterblast

Yellowbird/Soulfood ENJ 9726
(56 Min., 8/2013)

Hundert Jahre ist es her, dass der bekanntlich auf dem Saturn geborene Sun Ra auf unserem Heimatplaneten ankam. Ein besseres Präsent zum Jubiläum als die „Planetary Tunes“ des neunköpfigen Ensembles Heliocentric Counterblast um die Saxofonistin Kathrin Lemke lässt sich nun kaum denken: Mit ernsthafter Hingabe an das Komische-Kosmische, respektvollem Umgestaltungs- und Umdeutungswillen sowie einer angemessenen Science-Fiction-Soundkulisse spielen die neun Berliner Stücke von Sun Ra und Eigenkompositionen der Bandleaderin, die dem 1993 zum Saturn zurückgekehrten Big-Band-Kauz sehr gefallen dürften.
Dabei bewegt sich die Heliocentric-Counterblast-Besetzung in einem Parallel-Universum, in dem das Raum-Zeit-Kontinuum außer Kraft gesetzt zu sein scheint. Die den Planeten unseres Sonnensystems gewidmeten Nummern wirken mit ihren bluesigen und souligen Riffs gleichzeitig alt und dann auch wieder ganz gegenwärtig. Der hypnotische Bläsersatz im Clavé-Rhythmus in dem von Lemke verfassten „NepTune“ etwa könnte ein Sample aus der elektronischen Clubmusik sein. Und auch die ständigen Klangverfremdungen und Störgeräusche, die die Aufnahme durchziehen, wirken wie Grüße aus einem retrofuturistischen DJ-Set.
Die Gleichzeitigkeit des normalerweise streng voneinander Geschiedenen ist die geheime Antriebsquelle hinter der Musik von Heliocentric Counterblast: Ellingtonhafte Swing-Bläsersätze wechseln sich mit freien Improvisationen ab, New-Orleans-Grooves stehen neben Pseudo-Soundtracks alter Sandalenfilme, hippiehafte Chorgesänge, die aus dem Musical „Hair“ stammen könnten, behaupten sich gegen komplexe Jazzorchester-Arrangier-Arithmetik. Es ist so, als würden John Coltrane, Vincent Price, Flipper und Darth Vader gemeinsam einen Ausflug im Weltall unternehmen – selbstverständlich mit Sun Ra am Steuer.

Josef Engels, 27.12.2014



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