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Luigi Nono

Seguente (A Carlo Scarpa, A Pierre u.a.)

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Ensemble Modern, Michael Gielen, Ernest Bour, Ingo Metzmacher u.a.

Edition RZ 1031-32
(118 Min., 1961 - 1994) 2 CDs

Im großen Triumvirat der Nachkriegsmoderne war er der große Klassenkämpfer: Boulez und Stockhausen quittierten Politik mit einem Gähnen, Luigi Nono brachte sie auf die Barrikaden. Seine Musik verstand er als Beitrag zur Revolution: Sie stritt für die Sache der Arbeiter, gegen Entfremdung und Unterdrückung.
Drum kam das introvertierte Spätwerk manchem wie ein Verrat vor an den alten Idealen. Für Nono betraf der Wechsel dagegen nicht die Seiten, nur die Perspektiven – von der Totale schaute er in den 1980er Jahren aufs Detail. Nicht mehr die gesamte Menschheit will diese stille Musik verändern, wohl aber noch den Menschen. Sie will das nicht mit äußeren Appellen, sondern gewissermaßen durch ästhetische Veredelung, durch die Erweiterung des menschlichen Hörens und eine gesteigerte Intensität der Wahrnehmung. Sie führt von der Oberfläche der Klänge in deren Innerstes. Ob nun, wie im epochalen Orchesterwerk „A Carlo Scarpa“ über die mikroskopische Auffächerung von zwei einzelnen Tönen, wie in „No hay caminos“ über die Verteilung von Klängen im Raum, oder, wie im Flötenduo „A Pierre“, durch akustische Analysen mittels avancierter Computertechnologie. Viele dieser neuen, späten Werke sind eher Skizzen denn präzise Notate: Nono hat sie in langer Arbeit mit den besten Interpreten seiner Zeit im Experimentalstudio des SWR in Freiburg aus Improvisationen entwickelt – die Aufnahmen, die noch von Nono persönlich begleitet wurden, besitzen als Dokumente darum besonderem Wert. Das Berliner Kleinstlabel „Edition RZ“ hat eine ganze Reihe dieser Aufnahmen zusammen getragen, klug und ausführlich kommentiert und mit vielen Fotos in einer schönen Box verpackt. Sie bewahrt einen echten Schatz: Besser ist Musik im 20. Jahrhundert nie gewesen.

Raoul Mörchen, 04.04.2015



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