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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Licht und Schatten gibt es auf dieser CD mit Mélodies von fünf französischen Komponisten, die sich mit ihrem Schaffen um die „Fin-de-siècle“-Zeit herumgruppieren. Eigentlich eignet sich Natalie Dessays soubrettig-leichte, silbrige Sopranstimme hervorragend für französisches Repertoire, erinnert sie im Timbre doch an historische Stimmen wie diejenigen von Mado Robin, Mady Mesplé oder auch Martha Angelici. Allerdings verliert Dessay hier und da in den wundervollen Kantilenen Faurés, Chabriers oder Poulencs ein wenig den Faden der perfekt fokussierten, intonationsreinen Stimmgebung: Gelegentlich gerät ihre Stimme ein wenig ins Flackern, gelegentlich bleibt sie in technisch nicht völlig komfortablen Momenten ein wenig unter der erforderlichen Tonhöhe.
Ungeachtet solcher kleinen Trübungen kommt im Verlauf des reichen, musikalisch abwechslungsreichen und höchst ansprechenden Programms auch die Frage auf, ob Dessays Timbre, so perfekt es sich auch in die genannte französische Tradition fügt, nicht auf Dauer ein wenig monochrom ausfällt: Ab und zu würde man sich mehr „Erdung“, mehr Bodenhaftung mit dunkleren, satteren Farben wünschen; an Stellen, die solches zu erfordern scheinen – etwa in Duparcs „Au pays où se fait la guerre“ wird aber klar, dass Dessays Stimme vor allem in tieferer Lage einfach nicht mehr Fülle und Chiaro-oscuro-Fähigkeit besitzt. Willkommen ist daher prinzipiell Laurent Naouris (auch nicht vollkommen sauber geführter) Bariton als klangliches „Gegengewicht“ – er kommt aber leider nur in einem einzigen Lied zum Einsatz. Auch die klangliche Bereicherung durch das Quatuor Ébène (ebenfalls nur in einem Stück) ist ein großer Gewinn. Eine umfassendere Einbeziehung dieser Musiker hätte dieser CD gut getan.

Michael Wersin, 29.08.2015



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