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Early Discoveries

Albert Mangelsdorff, Emil Mangelsdorff, u.a.

SWR Jazzhaus/Naxos JAH459
(139 Min., SWR Jazzhaus/Naxos JAH459) 2 CDs

Zurück in die frühen Jahre des deutschen Nachkriegsjazz versetzt die Compilation „Early Discoveries“ mit Schätzen aus den Archiven des ehemaligen Südwestfunks Baden-Baden. Im Mittelpunkt der sechs von Joachim-Ernst Berendt produzierten Sessions steht der Posaunist Albert Mangelsdorff. Als er am 19. Februar 1961 mit dem Altsaxofonisten Günter Kronberg, dem Tenorsaxofonisten Bent Jaedig, dem Kontrabassisten Peter Trunk und dem Schlagzeuger Hartwig Bartz in Tuttlingen auftrat, befand er sich an einem Wendepunkt: Der distinguierte Cool Jazz und der aufbrausendere Bebop wurden zu eng, aber die Freiheit seiner späteren Jahre hatte er sich noch nicht erobert. So spiegeln die 72 Minuten eine beachtliche Stilvielfalt, die von der Einbettung in sorgfältige Arrangements bis zu impulsiveren Improvisationen reicht. Welch vielfältige Tonfärbungen Mangelsdorff in den späteren Jahren seiner Posaune entlocken konnte, ist bereits in seiner Einleitung zur Ballade „Autumn Leaves“ angelegt. Die „German All Stars“ versammelten in regelmäßigem Turnus die beliebtesten deutschen Jazzmusiker. Der Vergleich des „Blues For Joe“ vom 4. Mai 1956 mit den drei Titeln vom 7.-10 Januar 1963 zeigt, wie sich die Musiker langsam von amerikanischen Vorbildern entfernen und eine eigene, europäische Auffassung entwickeln. Die Session von 1963 enthält mit Mangelsdorffs „Studie für Posaune“ eine von Peter Trunk am Kontrabass begleitete Vorform seiner späteren Posaunenkünste; selbst in dem Duett über „I Can’t Get Started“ mit dem Gitarristen Attila Zoller vom 12. Mai 1953 ist dies bereits angelegt. Alberts Bruder, der Alstsaxofonist Emil Mangelsdorff, zählte zu den All Stars von 1963 und zum Joki Freund Sextett, dessen Auftritt vom 25. Januar 1957 eine eher gediegene und steife Variante des Cool Jazz bietet. Näher am eleganten Ideal des Cool Jazz ist eine Session vom 25. Mai 1957 aus – an ihr war mit Altsaxofonist Bud Shank auch ein amerikanischer Cool-Musiker beteiligt. Wer Joe Zawinul nur als Fusion- und Weltmusikmagier kennt, kann hier entdecken, welch aufmerksamer, zurückhaltender Pianist er in seinen frühen Jahren war.

Werner Stiefele, 28.05.2016



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