Eine der schönsten Stellen im Mozart-Film "Amadeus" ist die Szene, in der Mozart in der Wiener Hofburg vor dem Kaiser für seine Oper "Figaros Hochzeit" eintritt. Schlauerweise tut er dies nicht mit Verweis auf den geistigen Gehalt dieser Komödie um eheliche Treue und Klassenunterschiede, sondern er führt theaterpraktische Argumente ins Feld. Vor allem mit der Schilderung des 2. Finales, in dem sich das Geschehen rasant nach oben schraubt und sich dabei mit jeder auftretenden Person in der Besetzung weiter steigert, macht Mozart den Kaiser neugierig. Und die packende Theateratmosphäre, die pralle Dichte des Geschehens, verbunden mit einer unglaublichen Detailfülle, ist es auch, die an dieser aktuellen Einspielung des Werkes begeistert. Durch ihren unverwecselbaren Originalklang glaubt man sich jenem 1. Mai 1786 sehr nah zu fühlen, als das Stück erstmals über die Wiener Opernbühne ging. Das Ensemble Concerto Köln gewinnt als Opernorchester durch die jahrelange Erfahrung, die es mit den vielen Entdeckungen klassischer Sinfonik gesammelt hat. René Jacobs lässt die Pferdchen flott vorangaloppieren, und wenn auch so manches Tempo diskussionswürdig ist, so macht doch der so lange gewachsene Klangzauber des Kölner Orchesters einen großen Teil des Charmes dieser Einspielung aus. Die Solisten gehen in ihren Rollen hundertprozentig auf; selbst die Rezitative sind durch und durch Oper, weil sie fantasievoll ausgeschmückt erscheinen. Bei anderen Einspielungen juckt es einen oft in den Fingern, die Continuo begleiteten Dialoge zu überspringen; hier kommt man gar nicht auf den Gedanken. Ein Lob dem Hammerklavierspieler Nicolau de Figueiredo, der sich übrigens auch mitunter recht geistreich ins Orchestertutti mischt. Großartig: Véronique Gens als Gräfin Almaviva mit ihren schlicht und doch tief dargebotenen großen Arien. Über gelegentliche Probleme, hohe Töne anzuspringen, kann man hinwegsehen; sie und Lorenzo Regazzo als Figaro lesen aus Mozarts Partitur tief Psychologisches heraus, das weit über eine pure Komödie hinausgeht: Schließlich sind des Grafen Kammerdiener und seine Gattin wirklich seelisch Leidtragende in dem intrigenumrankten Geschehen. Patrizia Ciofi gibt eine sehr gute Susanna voller Spielfreude ab. Besonders gelungen ist die Arie im 2. Akt "Venite, inginocchiatevi", in der die Verkleidung Cherubinos in Musik gesetzt erscheint (Mozart hat Frauen beim Kleiderprobieren gut beobachtet!). Apropos Cherubino: Angelika Kirchschlager, in diesem Reigen mit engem Vibrato und zu großer Stimme fast fehlbesetzt, passt dann aber doch wieder, weil sie dem jungen Pagen dadurch etwas Hysterisches verleiht. Außerdem überrascht sie mit wunderschönen Verzierungen. Fazit: Ein Figaro, der nicht mit seinen Reizen geizt - taufrisch, flott und wie von der Bühne.

Oliver Buslau, 01.05.2004



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