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Solstice

Frank Kimbrough

Pirouet/NRW PIT3097
(56 Min., 5/2016)

Es gibt zwei Arten, das Album „Solstice“ zu hören: Die eine ist, sich einfach hinzusetzen und den Klangtupfern und Melodien nachzuhören und sich an der Langsamkeit zu erfreuen, mit der Pianist Frank Kimbrough, der Kontrabassist Jay Anderson und der Schlagzeuger in neun Stücken ihre Themen auffächern, in kleine Einheiten gliedern, diese am Höhepunkt abbrechen und nach einem Moment des Innehaltens bedächtig weiter gleiten. Die andere ist, unter diesen Klangtupfern die Themen zu erkennen: Diese stammen bis auf Kimbroughs eigenes Stück „Question’s The Answer“ von Carla Bley („Seven“), George Gershwin („Here Come The Honey Man“), Maryanne de Prophetis („Solstice“), Paul Motian („The Sunflower“), Annette Peacock („Albert’s Love Theme“ und „El Cordobes“), Andrew Hill („From California With Love“) und Maria Schneider („Walking By Flashlight“). Nun kann man sich die Originalversionen dieser Stücke ins Gedächtnis rufen und dann vergleichen, wie einzigartig und luftig dieses Trio sie gegen alle Konventionen interpretiert. Die markanten Wendungen bleiben erhalten, aber das Gesamtkonzept mündet in ein freundliches De- und Rekonstruieren. Mit den aktuellen Klaviertrios, die sich von Poprhythmen leiten lassen, oder den tradierten Swingtrios haben die drei nichts gemeinsam. Sie lassen Hochgeschwindigkeitsspiel und Power weit hinter sich. Stattdessen verschränken sie ihre Einfälle äußerst filigran ineinander, wobei sie die Trennung zwischen Solist und Begleiter weitgehend aufgehoben haben. Für kurze Momente gibt es Führungsrollen oder Features, aber wer in den Vordergrund getreten ist, gibt die Führungsrolle rasch wieder zu Gunsten eines Partners auf. Das feingliedrige Klangbild bildet diesen musikalischen Prozess so detail- und nuancenreich nach, dass die Kommunikation innerhalb des Trios jeden Moment nachvollziehbar wird.

Werner Stiefele, 10.12.2016



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