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Salvatore Sciarrino

„Un’immagine di Arpocrate“, „Giorno velato presso il lago nero“

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Tamara Stefanovich, Carolin Widmann, ChorWerk Ruhr, Susanna Mälkki, Jonathan Nott

NEOS/harmonia mundi NEOS11626
(66 Min., 3/2014, 4/2013) SACD

Selbst auf den zweiten Blick besitzt er eine verblüffende Ähnlichkeit mit Umberto Eco. Und auch in seinem ständigen Stöbern nach verborgenen Zeichen und Spuren in Raum und Zeit ist der Komponist Salvatore Sciarrino seinem berühmten Landsmann durchaus wesensverwandt. Während Eco aber mit geradezu detektivischer Lust die Welt zu lesen versuchte, scheint sich Sciarrino am liebsten in unscharfen, zumeist ins Halbdunkle getauchten Klangräumen zu bewegen. Doch es lohnt sich stets, ihm dabei zu folgen. Denn hat man den ersten Schritt gewagt, schälen sich aus einem diffusen Geräuschnebel plötzlich die ersten, deutlich wahrnehmbaren Tonzeichen heraus. Und bewegt man sich immer weiter in diese akustische Grenzregion zwischen Stille und Nicht-Stille hinein, wachsen die Aufmerksamkeit und die Spannung stetig an. Denn in Sciarrinos etwas anderer Minimal Music steckt eine existenzielle Wucht, die einen nicht mehr loslässt und einen regelrecht zum Hinhören zwingt. Weshalb es auch von den 47 Minuten Spieldauer seines originellen Klavierkonzerts „Un‘immagine di Arpocrate“ (1974 - 1979) keine Sekunde gibt, in der man durchschnaufen könnte. Das bedeutet zugleich, dass das gesamte Interpretenteam auch von der Konzentration her ganze Arbeit bei diesem schwer zu bewegenden Koloss für Klavier, Chor und Orchester geliefert hat. Ob Pianistin Tamara Stefanovich mit ihren dahinhuschenden Fingern, das von Susanna Mälkki und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hochgehaltene dämonische Nonstop-Grollen oder das ChorWerk Ruhr in den eingewobenen Textpassagen aus Goethes „Faust“ und Wittgensteins „Tractatus“.
Natürlich hätte man danach vielleicht ein Stück von Sciarrino mit südländischer Helligkeit auswählen können, um die Sinne zu entspannen. Aber allein schon der Titel des jetzt in der Weltersteinspielung vorliegenden Violinkonzerts „Giorno velato presso il lago nero” (Verhüllter Tag beim schwarzen See) verrät, dass man sich gleichfalls durch unwegsames Gelände bewegt. Elementare Schraffuren, hingehauchte Seufzer, mikrofaserfeine und dennoch gespenstisch schillernde Klangfäden entlockt dabei die phänomenale Geigerin Carolin Widmann ihrem Instrument und unterstreicht damit einmal mehr ihren Sonderstatus in der an Ausnahmemusikern ja nicht gerade armen deutschen Geigenszene.

Guido Fischer, 18.02.2017



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