home

N° 1253
14. - 20.05.2022

nächste Aktualisierung
am 21.05.2022



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

Das große Stehrumchen: Giuseppe Verdis „Aida“

Salzburger Festspiele (A)

Preistreiber des Jahres bei den Salzburger Festspielen (angeblich bis 2000 Euro pro Schwarzmarkt- Ticket): die erste „Aida“ von Anna Netrebko. Noch dazu unter Riccardo Muti, der einst die beste neuere Gesamtaufnahme dirigierte (1974 mit Montserrat Caballé). Diesmal träufeln die Wiener Philharmoniker ein Rinnsal feinster Verdi-Glitzerlava in die Ouvertüre. Francesco Meli als Radamès wird hörbar entflammt. Als Amneris züngelt Ekaterina Semenchuk giftiger und schlangenhafter denn je. Luca Salsi (Amonasro) fühlt sich im Testosteron-Bereich angeregt, während Dmitry Belosselskiy als östlich-orthodoxer Ramfis den einzigen Reflex darstellt, der von der Regie übriggeblieben ist. Nach Zerreißproben mit Muti musste die iranische Filmemacherin Shirin Neshat auf ganzer Linie kapitulieren. Rumsteh-Theater! Zumal die hohlen Styropor-Quader, die Gefrierboxen ähneln, den Eindruck erwecken, das Ganze solle im Inneren eines Tiefkühl-Schranks spielen (Bühne: Christian Schmidt). Kurz: wenig Ablenkung von den gloriosen Piano-Künsten, die Anna Netrebko in besten Momenten zur Sphärenharmonie verfeinert und in den Himmel schickt.
Netrebko hat abgenommen. Sie knüpft deutlich an sublime, nicht brachiale Aida-Vorgängerinnen an. Und singt die schwebenden, höchsten Töne fantastisch schön. Dennoch lassen sich Eingewöhnungsschwierigkeiten nicht ganz verhehlen. In tiefen Lagen muss die Sopranistin nachdrücken (was man von ihr sonst nicht kannte). Ein inneres Lodern, wie dies Maria Callas und Leontyne Price zu Gebote stand, erwartet man vergebens. Ehrlichkeit und stimmliches Barzahlen muss für einen Mangel an Geheimnis entschädigen – und an Temperament.
Dass Netrebko dennoch siegreich aus dieser schweren Aufgabe hervorgeht, liegt an der überlegen klugen Disposition Mutis. Er hat es darauf angelegt, zu drosseln, zu veredeln und zu spiritualisieren. Mit niemandem würde das so überirdisch schön funktionieren wie mit den goldsprühenden, schwerelos tänzelnden Wiener Philharmonikern. Die hat man selten besser gehört als in diesem Jahr.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2017



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Die italienische Star-Sopranistin Renata Scotto (79) hat sich in Rom anerkennend, aber auch […]
zum Artikel

Gefragt

Jan Philipp Gloger

Gefühle machen

Der Regisseur debütiert an der Londoner Covent Garden-Oper mit einer Inszenierung von Wolfgang […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Freiluftmusik: Es muss schon eine besondere Ehre sein, sich als erwählter Liebling eines gekrönten Hauptes zu fühlen. Richard Wagner könnte ein Lied davon singen, aber auch James Paisible. Sagt Ihnen nichts? Jacques oder James Paisible war ein Franzose und im Gefolge Robert Camberts nach England gekommen. Dieser war enttäuscht davon, dass ihn der Italiener Giovanni Battista Lulli (oder später: Lully) aus dem französischen Musikleben verdrängt hatte, wollte daraufhin mit ein paar […] mehr


Abo

Top