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(c) Wendy Dmed

Movimentos 2018

Aufregendes Debüt

Die 16. Festwochen in Wolfsburg präsentieren die derzeit angesagte Choreografin Crystal Pite.

Ja, es geht weiter! Die 16. Movimentos Festwochen der Autostadt in Wolfsburg finden vom 4. April bis 6. Mai 2018 unter dem Thema „Würde“ statt. Internationale Künstler aus den Bereichen zeitgenössischer Tanz, Jazz, klassische Musik sowie Schauspielgrößen aus Deutschland sind in der Autostadt, im Volkswagen KraftWerk sowie in Kulturräumen der Stadt Wolfsburg und Braunschweig zu erleben. Bernd Kauffmann, Künstlerischer Movimentos-Leiter, will sich beim diesjährigen Motto ganz besonders „dem Wert und der Wahrheit dieses hohen Guts nähern und Spuren des Nachdenkens legen“.
Und auch wenn viele alte Movimentos-Bekannte von Wayne McGregor über Philippe Decouflé, die Sidney Dance Company, die Crupo Corpo und bis hin zum taiwanesischen Altmeister Lin Hwai-min mit seinem Cloud Gate Dance Theatre zu Gast sind: Erstmals in Deutschland ist Ballet BC aus dem kanadischen Vancouver zu genießen. Mit drei Choreografien von Crystal Pite, Sharon Eyal und mit der Deutschlandpremiere von Evelyn Molnars „16+ a room“ eröffnet die spannende zeitgenössische Company das diesjährige Movimentos-Tanzprogramm im KraftWerk.
Und besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der 47-jährigen Kanadierin Crystal Pite. Denn sie hat gegenwärtig in der Tanzwelt einen ziemlich guten Lauf: weil sie eine Frau ist, weil sie etwas auf sehr individuelle, dabei versatile Weise zu sagen hat, weil sie sechs Jahre bei Billy Forsythe in Frankfurt tanzte, weil sie seit 2002 ihre eigene Company Kidd Pivot in Vancouver führt, aber auch weil sie sehr gut in der Ballettwelt andocken kann.
Denn die Kanadierin, die für ihren kraftvoll energetischen Tanzstil, aber auch für ihre weit darüber hinaus reichenden Inhalte geschätzt wird, ist mehrere längerfristige Kollaborationen eingegangen. Crystal Pite ist assoziierte Künstlerin beim Nederlands Dans Theater, beim Canada’s National Arts Center und beim Londoner Tanzpowerhaus Sadler’s Wells. Wiederholt hat sie mit dem Dramatiker Jonathon Young Stücke geschaffen, die auf sehr eigenwillige Weise Tanz und Text verbinden. Das derzeit meistdiskutierte ist „Betroffenheit“, ein Stück Trauerarbeit für einen Vater, der den Tod des Kindes zu beklagen hat.

Größe und Tragik des Menschen

Pite ist eine Künstlerin von hoher Intelligenz und unerschöpflichem Erfindungsreichtum. Ihre klassische Ausbildung hat sie mit der frei formulierten Bewegungssprache einer Improvisationskünstlerin verbunden. Ihre Arbeiten kreisen stets um das Wesen des Menschlichen, und das verleiht ihren Stücken eine lebendige, emotionale, nicht selten komische Dimension. Überbordende Lust an der Bewegung und die Entschlossenheit, ihre Zuschauer in Staunen zu versetzen, prägen ihr OEuvre. Beglückt lässt Crystal Pite tanzen, beglückt tanzt sie selbst und berührt ihr Publikum mit einer Ästhetik, die in der sensiblen Schwebe zwischen Intellekt und Sinnlichkeit oszilliert – immer auf dem schmalen Grat zwischen der Erfüllung und dem bewussten Unterlaufen der Erwartungen, die an den Tanz herangetragen werden.
Über vierzig Tanzstücke hat Crystal Pite in den letzten drei Jahrzehnten geschaffen, und keines gleicht dem anderen. Sie weiß sich der unterschiedlichsten Bewegungsstile und theatralischen Mittel zu bedienen, vom Tanztheater übers absurde Theater zum klassischen Ballett und zu seiner Dekonstruktion, auch Hip- Hop liebt sie. Crystal Pite hat beim Nederlands Dance Theater ihr in Wolfsburg gezeigtes, atmosphärisch von Kunstschnee durchwirbelndes „Solo Echo“ zu Sätzen aus den Cellosonaten von Johannes Brahms herausgebracht, wo es um Einsam- und Gemeinsamkeit, Reaktion und Sensibilität geht. Sie hat mit Riesenerfolg in einem Programm neben ihrem Mentor Forsythe für die Pariser Opéra gewirkt (wo nächstes Jahr ein abendfüllendes Werk von ihr ansteht), sie wurde in Wiesbaden nachgetanzt und auch das neuformierte Staatsballett Berlin müht sich um sie. Und eben kam in Zürich ihr Klassiker „Emergence“ heraus, ihr einziges Opus auf Spitze. „Emergence“, das wortspielt mit „Entstehung“, aber natürlich auch mit „Emergency“ – „Notfall“ –, wurde 2009 in Toronto uraufgeführt.

www.movimentos.de


Full House

Sieben internationale Tanzkompanien zeigen im KraftWerk zwölf Choreografien, darunter drei Europapremieren, sechs Deutschlandpremieren und zwei Koproduktionen. Das Ballet BC aus Vancouver ist erstmals in Deutschland zu Gast. Es gibt Jazz im ZeitHaus mit Stars wie Gregory Porter und Mario Biondi. Iris Berben, Claudia Michelsen, Sophie Rois, Philipp Hochmair, Burghart Klaußner und Thomas Thieme sind bei szenischen Lesungen und einer Dramaproduktion zu Gast. Es gib zwei klassische Konzerte mit Uraufführungen von Wolfgang Rihm und Kit Armstrong sowie Klavierrecitals mit herausragenden Pianisten. Junge Tänzer der Movimentos Akademie eröffnen die Festwochen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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