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Gründervater von "El Sistema": José Antonio Abreu † (c) laprensalara.com

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Herr der Talente

2015 konnte man den runden Geburtstag eines venezolanischen Märchens feiern: „El Sistema“ wurde 40 Jahre. Dank dieses Musikernachwuchsprojekts hatten abertausende Jugendliche nicht nur eine grundsolide Ausbildung genossen, so mancher schaffte es gar an die Weltspitze wie der berühmteste „El Sistema“-Absolvent Gustavo Dudamel, der ohne die entsprechende Förderung vielleicht nie in die erste Dirigentenliga vorgedrungen wäre. Kein Wunder, dass auch Dudamel dem „El Sistema“-Gründer und väterlichen Freund José Antonio Abreu zum Jubiläum gratulierte. Dass aber solche märchenhaften Erfolgsstorys nicht selten auch ihre Kehrseite haben, versuchte zeitgleich der in London lehrende Musikwissenschaftler Geoffrey Baker in einem Enthüllungsbuch zu belegen. Bei Baker kamen „El Sistema“ und der als geldgierig und leicht diktatorisch gezeichnete Abreu alles andere als schmeichelhaft weg. Zur Seite sprang Baker dabei die venezolanische Top-Pianistin Gabriela Montero, die damals gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“ unverblümt mit der Feststellung ausholte: „‚El Sistema‘ ist inzwischen ein korrumpiertes Instrument der Macht und auch der Lüge.“
Welche der Vorwürfe nun stimmten und welche dagegen reine Vermutung waren, ließ sich schon damals nur schwer ausmachen. Dem Renommee einer Institution, die 1975 von Abreu mit einem kleinen, gerade mal 12-köpfigen Jugendorchester aus der Taufe gehoben wurde, konnten sie genauso wenig schaden wie die Hinweise, dass der Gründungsvater nie Berührungsängste mit den venezolanischen Machthabern Hugo Chavéz und zuletzt Nicolás Maduro besaß. Zu strahlend war zu Lebzeiten Abreus Ruf auch unter Spitzendirigenten wie Claudio Abbado, Simon Rattle und Zubin Mehta, die er regelmäßig nach Caracas einlud, um etwa mit dem Simón Bolívar Orchestra zu proben und Konzerte zu geben.
„Musik muss als Mittel der sozialen Entwicklung im höchsten Sinn erkannt werden, weil sie die höchsten Werte vermittelt – Solidarität, Harmonie, gegenseitiges Mitgefühl“, so das Credo des ehemaligen Wirtschaftswissenschaftlers Abreu, der mit seinem kostenfreien Ausbildungssystem nicht nur Generationen von Venezolanern an die klassische Musik herangeführt, sondern vielen von ihnen über die Musik den Weg aus ärmlichen Verhältnissen geebnet hat. Natürlich konnte der Aufbau von seitdem über 100 Jugendorchestern und zahlreichen Musikcentern auch nur über jene Ölquellen finanziert werden, die Venezuela lange zu einem schwerreichen Land gemacht hatten. Mittlerweile jedoch ist die wirtschaftliche und damit die soziale Lage mehr als nur angespannt. So mussten 2017 internationale Tourneen der Jugendorchester aus finanziellen Gründen abgesagt werden. Auch sollen rund 40 Mitglieder des Simón Bolívar Orchestra inzwischen ihr Glück und Auskommen im Ausland gefunden haben. José Antonio Abreu konnte all diese Entwicklungen nicht mehr stoppen. Nun ist er im Alter von 79 Jahren verstorben. Und sein prominentester Schüler Gustavo Dudamel verabschiedete sich von ihm mit den Worten: „Meine ganze Liebe und ewige Dankbarkeit unserem Vater und Gründer von ‚El Sistema‘.“

Guido Fischer



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