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(c) Andreas Greiner-Napp

Katharina Bäuml

Frauensache

Wie haben Nonnen im 16. Jahrhundert vierstimmige Messen aufgeführt? Für die Schalmei- Expertin und ihr Ensemble wurde die Aufnahme zum Abenteuer.

Wenn man Katharina Bäuml im Café gegenübersitzt, kann man gar nicht anders, als die Ähnlichkeit zu empfinden zwischen den quirligen Locken, die ihr über die Schultern fließen, und den Ideen, die aus ihr hervorsprudeln, wenn sie von ihren Projekten erzählt.
Mit ihrem Ensemble Capella de la Torre hat sie gerade eine Aufnahme von Tomás Luis de Victorias klangvoller Missa „Vidi speciosam“ veröffentlicht, für die sie sich mit dem Tiburtina Ensemble unter Barbora Kabátková zusammengetan hat. „Der Kontakt und das erste Treffen mit dem Frauenchor gab den Anstoß für das Projekt. Das Tiburtina Ensemble ist auf Gregorianik spezialisiert, und ich wollte schon immer mal den Klang unserer Instrumente mit Frauenstimmen mischen.“
Für die Chormusik in spanischen Frauenklöstern des 16. Jahrhunderts stellt sich die Besetzungsfrage. Männern war der Zugang zum Konvent verboten und die Tenorlage für Frauen nur schwer, die Basslage gar nicht erreichbar. Erhaltenes Instrumentarium – die in Spanien damals besonders beliebten Schalmeien, Pommern, fagottartigen Dulciane und die Posaunen – sowie Rechnungsbelege für erhaltenen Musikunterricht der meist adligen und damit schon von Haus aus musikalisch gebildeten Nonnen legen eine gemischte Besetzung nahe. Bei der Aufführung polyphoner Musik wurden dann die Oberstimmen Sopran und Alt von den Nonnen gesungen, die Unterstimmen Tenor und Bass von Instrumenten ausgeführt. So war das Problem gelöst.
Katharina Bäuml und ihre Capella haben mit der Spezialisierung auf die alten Rohrblattinstrumente heute eine herausgehobene Position. Und man merkt ihr an, dass sie gegen das verächtliche Denken und Vorurteile mit Leidenschaft kämpft. „Im Unterricht auf der Oboe habe ich noch zu hören gekriegt: ‚Du klingst heute wie eine Schalmei, geh nach Hause.‘“ So wurde das Ausreizen der Möglichkeiten für sie zum Antrieb, klanglich und spieltechnisch.
Und programmatisch. Neben musikhistorischen Ideen für ihre Alben, wie im Falle der Missa „Vidi speciosam“, ist Bäuml durchaus offen dafür, außermusikalischen Themen im Repertoire auf den Grund zu gehen. So hat sie sich mit „Water Music“ (2015) und „Fire Music“ (2016) auf die Spur der Vier Elemente begeben. „Wichtig ist mir, dass es für den Hörer abwechslungsreich und überraschend ist.“ Und was hält sie von Crossover-Projekten? „Crossover finde ich dann prima, wenn es sich aus dem Inhalt heraus entwickelt. Leider werden viele Projekte übergestülpt oder nicht zu Ende gedacht, sie vermitteln dann den Eindruck der Beliebigkeit.“ Auch käme Bäuml nie auf die Idee, Barockoboen-Musik etwa von Bach auf der Schalmei zu spielen. „Es klingt nicht gut, nicht weil die Töne falsch gespielt werden, sondern weil die Instrumente mit dem ganz unterschiedlichen Einsatz der Luft tatsächlich eine verschiedene Sprache sprechen.“
Die Rekonstruktion einer spezifischen Messfeier wollte Bäuml bewusst nicht. „Ausgehend von Mariae Himmelfahrt konnten wir so Antiphonen verschiedener Marienfeste nebeneinander erklingen lassen.“ In zahlreichen Konzerten reifte dann das Programm, bis es schlussendlich aufgenommen wurde. Beim Hören des Albums und Eintauchen in sein Kapitel der Musikgeschichte merkt man das auch.

Neu erschienen:

Tomás Luis de Victoria

Missa Vidi speciosam

Tiburtina Ensemble, Barbora Kabátková, Capella de la Torre, Katharina Bäuml

dhm/Sony

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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